26. Mai
Daniel Ziblatt: Chancen und Herausforderungen von Demokratien
Ein Blick aus den USA nach Deutschland
Im Oktober 1990 trifft ein Austauschschüler aus San Francisco am Birklehof ein, der zu diesem Zeitpunkt kaum Deutsch spricht. Die deutsche Wiedervereinigung ist gerade vollzogen, Europa erlebt eine Phase des politischen Aufbruchs, und der Optimismus dieser Zeit prägt auch den Schulalltag am Birklehof. Für den heutigen Politikwissenschaftler und Harvard-Professor Daniel Ziblatt wird dieses Austauschjahr rückblickend zu einer Schlüsselerfahrung: Hier entsteht erstmals sein Interesse an politischen Systemen – ein Impuls, der seinen weiteren Lebensweg entscheidend prägt. Ohne diese Zeit am Birklehof, so Ziblatt selbst, hätte er vermutlich eine andere berufliche Richtung eingeschlagen. Heute zählt er zu den international gefragten Stimmen, wenn es um die Frage geht, wie Demokratien entstehen – und wie sie erodieren.


Mehr als drei Jahrzehnte später kehrt er – diesmal digital zugeschaltet – an den Birklehof zurück. Auf Einladung der Schülerinnen und Schüler hielt er am 20. Mai einen Online-Tertialvortrag zum Thema „Chancen und Herausforderungen von Demokratien“.
Seine frühe wissenschaftliche Arbeit war zunächst stark historisch geprägt und vor allem im akademischen Kontext verankert. Erst mit dem politischen Aufstieg Donald Trumps im Jahr 2016 verlagerte sich sein Fokus spürbar in die Gegenwart. Gemeinsam mit einem Kollegen veröffentlichte er damals einen viel beachteten Artikel in der New York Times mit der provokanten Frage „Is Donald Trump a Threat to Democracy?“. Die breite öffentliche Resonanz darauf gab schließlich den Anstoß, die zugrunde liegenden Analysen zu vertiefen. Zusammen mit Steven Levitsky machte Ziblatt seine Überlegungen in dem Buch „Wie Demokratien sterben. Und was wir dagegen tun können“ erstmals einem größeren Publikum zugänglich. 2024 folgte mit „Die Tyrannei der Minderheit“ ein weiteres Werk, das der Frage nachgeht, warum die amerikanische Demokratie unter Druck geraten ist – und was sich daraus lernen lässt.
Warum Demokratien nicht selbstverständlich stabil bleiben
Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass eine historisch gefestigte Demokratie wie die USA ins Wanken gerät? In der sozialwissenschaftlichen Forschung gilt als gut belegt, dass sowohl wohlhabende als auch ältere Demokratien im Durchschnitt als besonders resilient gelten. Auf dieser Grundlage ließe sich zunächst ein optimistisches Bild zeichnen – insbesondere mit Blick auf etablierte Demokratien wie Deutschland oder die USA.
Genau diese Schlussfolgerung, so Ziblatt, sei jedoch irreführend. Entscheidend sei nicht die bloße Korrelation, sondern die Frage, warum diese Demokratien tatsächlich stabil bleiben. Eine zentrale Antwort liege darin, dass Institutionen über Zeit widerstandsfähiger werden – vor allem deshalb, weil Gesellschaften kontinuierlich in sie investieren: durch Engagement, Zeit und Ressourcen. Demokratische Institutionen müssten dabei nicht nur funktionieren, sondern auch als legitim wahrgenommen werden. Wo sie politisch instrumentalisiert würden oder das Vertrauen in sie erodiere, beginne eine schleichende Schwächung demokratischer Strukturen. In diesem Zusammenhang betonte der Referent die besondere Bedeutung von Bildung: Sie diene nicht nur der individuellen Karriereentwicklung, sondern auch der Ausbildung demokratischer Bürgerinnen und Bürger, die sich verantwortungsvoll, respektvoll und zugleich wirksam in die Gestaltung des Gemeinwesens einbringen. Besonders positiv hob er hervor, dass die Schülerinnen und Schüler des Birklehofs die Organisation dieses Tertialvortrags eigenständig übernommen hatten – etwas, das er in dieser Form nicht überall erlebe.

Gatekeeping: Wenn politische Mitte entscheidend wird
Besonders lebendig wurde der Vortrag im anschließenden Gespräch über das sogenannte „Gatekeeping“ politischer Systeme – also die Frage, wie etablierte Parteien den Zugang zu politischer Macht regulieren. Historisch gesehen seien Demokratien selten allein durch einzelne extremistische Akteure erodiert worden. Häufig spielten Entscheidungen der politischen Mitte eine entscheidende Rolle, indem sie solche Akteure indirekt stärkten oder überhaupt erst anschlussfähig machten.
Am Beispiel der USA zeigte Ziblatt, wie führende Vertreter der Republikanischen Partei zunächst deutlich vor Donald Trump warnten, ihn später jedoch aus strategischen Gründen unterstützten oder integrierten. Ähnliche Dynamiken habe es auch nach dem Angriff auf das Kapitol am 6. Januar 2021 gegeben: Nach anfänglicher Distanzierung sei es erneut zu politischer Annäherung gekommen. Diese Entwicklungen deutete er als Versagen politischer Eliten – nicht ausschließlich als Ausdruck von Wählerentscheidungen.
Für Deutschland sei dies eine Warnung. Die Strategie der sogenannten „Brandmauer“ gegenüber extremistischen Parteien könne kurzfristig notwendig sein, reiche jedoch langfristig nicht aus. Zwar schütze sie demokratische Institutionen, zugleich bestehe jedoch die Gefahr, dass sich Ausschlussnarrative verfestigen. Die zentrale Herausforderung bestehe daher darin, politische Stabilität mit demokratischer Integration zu verbinden. In diesem Zusammenhang verwies er auf ein bekanntes Bild Winston Churchills: Wer versuche, autoritäre Akteure zu beschwichtigen, riskiere langfristig, von ihnen politisch „verschlungen“ zu werden („Ein Beschwichtiger ist einer, der ein Krokodil füttert, in der Hoffnung, dass es ihn zuletzt frisst“).
Medien, Gegenkräfte und demokratische Praxis
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die Rolle der Medien. Ziblatt beschrieb eine Kombination aus drei Entwicklungen, die Demokratien zunehmend unter Druck setzten: soziale Medien und algorithmische Informationssteuerung, die zunehmende Konzentration von Medienbesitz sowie die Verdrängung lokaler Berichterstattung durch nationale Narrative. Diese Faktoren verstärkten Polarisierung und veränderten die Wahrnehmung politischer Realität. Menschen erhielten weniger lokale Informationen und orientierten sich stärker an nationalen Debatten – mit der Folge verzerrter gesellschaftlicher Wahrnehmungen.
Zur Einordnung des aktuellen Zustands verwies der Referent auf internationale Demokratieindizes wie Freedom House. Die USA hätten sich dort seit 2016 deutlich verschlechtert. Gründe seien unter anderem erschwerte Wahlzugänge, politische Polarisierung und institutionelle Spannungen.
Ob die USA noch als vollwertige Demokratie gelten können, hängt letztlich von der Definition ab. Eine minimale Definition – etwa die Möglichkeit von Regierungswechseln durch Wahlen – greife jedoch zu kurz. Demokratie umfasse auch faire Wettbewerbsbedingungen, institutionelle Neutralität und den Schutz bürgerlicher Freiheiten. Gemessen daran, so seine Einschätzung, stehe die amerikanische Demokratie derzeit unter Druck und sei nicht vollständig intakt.
Trotz dieser Diagnose betonte der Vortrag auch Gegenkräfte. Die USA verfügten weiterhin über drei zentrale Stabilitätsfaktoren: regelmäßige Wahlen, ein vergleichsweise unabhängiges Justizsystem sowie eine aktive Zivilgesellschaft. Besonders letztere spiele eine entscheidende Rolle. Protestbewegungen und lokale Netzwerke zeigten, dass demokratische Gegenwehr möglich bleibt. Als Beispiel nannte er Minneapolis, wo gut vernetzte Akteure aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Rechtswesen gemeinsam auf politische Krisen reagieren konnten.
Die wichtigste Erkenntnis daraus: Demokratie funktioniert besonders dort, wo Menschen nicht isoliert handeln, sondern organisiert und gemeinsam auftreten.
Demokratie als gelebte Verantwortung
Vor diesem Hintergrund war auch sein konkreter Rat an die Schülerinnen und Schüler des Birklehofs eindeutig: Politisches Engagement beginne nicht erst in Parteien oder Parlamenten, sondern im Alltag. Sie sollten sich Gruppen anschließen oder selbst Gruppen gründen. Einzelne Stimmen hätten oft wenig Wirkung, organisierte Gemeinschaften dagegen könnten gesellschaftliche Veränderungen tatsächlich beeinflussen. Gerade in Zeiten politischer Polarisierung sei kollektives Handeln eine der wirksamsten Formen demokratischer Teilhabe.
Alle, die Interesse am Vortrag haben, können diesen unter folgendem Link abrufen: https://youtu.be/G90Ic8S8k4E
Die zentrale Botschaft von Daniel Ziblatt lautet: Demokratie ist kein abstraktes System, sondern eine Praxis – sie lebt davon, dass Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Wir danken Daniel Ziblatt für diesen anregenden und lebendigen Austausch und schließen uns seinem Wunsch an, den Birklehof eines Tages gemeinsam mit seiner Tochter wieder zu besuchen.

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