18. März
Vom Geschichtenerzählen und vom Festhalten an Träumen
Vom Geschichtenerzählen und vom Festhalten an Träumen
EXT. – VIRTUELLER KONFERENZRAUM – ABEND
Viele kleine Fenster auf dem Bildschirm. Gesichter voller Vorfreude. In der Mitte Christian Schnalke – bereit, uns in den Alltag eines Geschichtenerzählers mitzunehmen. Ein Moment gespannter Erwartung, während die 11. Ausgabe von „Birklehof im Gespräch“ beginnt.
Am 18. März 2026 war der erfolgreiche deutsche Drehbuch- und Romanautor, Car-toonzeichner und Altbirklehofer (Abitur 1984), zu Gast bei „Birklehof im Gespräch“. Zu seinem kreativen „Durcheinander“ gehören mehr als 30 Filme (darunter Krupp – Eine deutsche Familie, Die Patriarchin, Afrika, mon amour, Duell der Brüder – Die Ge-schichte von Adidas und Puma, Katharina Luther und zuletzt Bach – Ein Weihnachts-wunder), sieben Romane, ein Broadway-Stück und zuletzt ein Cartoonbuch mit und über Bücher. Nur eine Woche nach dem Gespräch zeigte die ARD den Film Louma, für den Christian Schnalke das Drehbuch nach seinem gleichnamigen Roman verfasste; er ist weiterhin in der ARD-Mediathek abrufbar.





Wurzeln am Birklehof
Ohne die Zeit am Birklehof wäre manches wohl anders gekommen, erzählte Christian Schnalke zu Beginn seines einleitenden Vortrags. Das Leben am Birklehof, die Menschen und die vielen Gespräche hätten ihn geprägt und inspiriert. Zwei seiner prägenden Erinnerungen: der Geschichtsleistungskurs bei Frau Bursch (die unter seine Klausuren schrieb: „Sehr schön – aber ein bisschen mehr schreiben“), und die Abiturfahrt nach Rom mit Herrn Pfitzenmaier. Diese Reise weckte seine Liebe zur Stadt – und legte zugleich den Grundstein für seinen ersten veröffentlichten Roman, Römisches Fieber, der im Rom des 19. Jahrhunderts spielt.
Vom Zeichnen zum Schreiben
Sein Weg zum Schreiben verlief alles andere als geradlinig. Ursprünglich wollte Christian Schnalke Kunst oder Design studieren, weil er am Birklehof ständig zeichnete. Nach Absagen begann er mit dem Studium der Literaturwissenschaften und merkte schnell: Er wollte Geschichten erzählen. Es folgten ein Volontariat bei Franz Elstner, die Mitarbeit im Team von Harald Schmidt und schließlich ein zweijähriger Auslandsaufenthalt mit seiner Frau Daniela, einer Journalistin, in Tokio. Dort konzentrierte er sich voll auf das Drehbuchschreiben – eine Entscheidung, die sich auszahlte.
Der Durchbruch gelang ihm mit einem ZDF-Dreiteiler, der „Königsdisziplin“, an dem zuvor bereits mehrere Teams gescheitert waren. Rund elf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sahen den Film. Augenzwinkernd erzählte er, dass er damals auf der Straße überschlug, dass statistisch gesehen jeder achte Nachbar seinen Film gesehen haben musste.
Ein Blick in die Werkstatt des Drehbuchs
Besonders spannend wurde es, als Christian Schnalke uns mitnahm in die Werkstatt des Drehbuchschreibens. Anschaulich erklärte er, wie ein Drehbuch aufgebaut ist, wie die einzelnen Szenen aussehen – und dass eine Seite in der Regel etwa einer Minute Filmzeit entspricht. Entscheidend seien dabei nicht nur die eigentlichen Szenen, sondern vor allem, wie zwischen den Bildern Spannung und Emotion entstehen. Christian Schnalke sprach über die „kleinen“ und „großen“ Wendepunkte einer Geschichte, über den ersten großen Wendepunkt als Ende des ersten Akts (ziemlich genau zwanzig Minuten) und veranschaulichte dies mit Beispielen aus Titanic, Romeo und Julia und eigenen Filmen.
Lebendige Fragerunde
In der anschließenden Fragerunde mit Björn Grimm (Altbirklehofer, Lehrer und Hausvater) sowie Tymur, Anna (Abiturjahrgang 2026) und Feli (Klasse 11) wurde der Abend noch persönlicher. Alle vier brachten eigene Bezüge zu Literatur und Film ein: Tymur und Anna standen im Februar in einer von Björn Grimm geleiteten Schulproduktion auf der Bühne, Anna besucht das Wahlfach „Literatur und Theater“, Tymur möchte Filmproduzent werden, und Feli begeistert sich für die filmtechnische Seite des Mediums. Zahlreiche spannende Fragen kamen auch von mehr als 45 Teilnehmenden.
Christian Schnalke gewährte einen tiefen Einblick in seinen Arbeitsalltag und die Unterschiede zwischen Drehbuch und Roman. Drehbücher seien für ihn die Architektur einer Geschichte: vor allem Struktur, mit vielen Vorstufen, intensive Vorbereitung sei entscheidend – dann könne man das Script in zwei Wochen schreiben. Ein fertiges Drehbuch an die Filmproduktion zu übergeben, sei „furchtbar – wie ein Kind, das aus dem Haus geht“, erklärte Christian Schnalke. Aber je mehr Stärke er seinem Drehbuch mitgebe, desto mehr bleibe im weiteren Kreativprozess vom Original erhalten.
Romane hingegen entstünden anders: Hier steige er mit weniger Vorbereitung ein, das Schreiben bringe ihn sofort in die andere Welt, und die „Schätze“ – Ideen – entstünden beim Formulieren selbst. „Es ist wie ein Wunder“, sagte Christian Schnalke, „weil die Ideen durch das Schreiben überhaupt erst entstehen.“ Drehbuchfiguren seien eher gebaut, weniger persönlich. Romanfiguren dagegen tragen sehr viel von ihm selbst in sich. So sei in Louma „nichts erfunden“ – vieles stamme aus seiner Familie, sei aber nicht direkt erkennbar, auch er selbst tauche verborgen auf. Manche Verfilmungen könne er deshalb schwer anschauen – nicht, weil sie schlecht seien, sondern weil sie völlig anders wirkten.
Sein Anspruch sei es immer, Geschichten zu schreiben, die so niemand anderes schreiben kann. Daher arbeite er bewusst ohne Künstliche Intelligenz: Er wolle seine Werte und Wahrnehmungen in jede Geschichte einfließen lassen. Oft reiche schon ein einziger Satz, um eine Botschaft zu transportieren. Bisher habe er Glück gehabt, dass dies in den Filmen möglich war und die Sender stolz waren, Geschichten zu zeigen, in denen beides stimmte: der Anspruch und die Quote.
Regie zu führen sei nicht sein Weg. Er brauche Ruhe, um kreativ zu arbeiten, und finde seine Erfüllung in Romanen und Zeichnungen. Als Autor habe er die Stärke, seine Geschichten und ihre Welten nur durch Worte lebendig zu machen, wie zum Beispiel Rom im Römisches Fieber. Das sei für ihn die Herausforderung und – wenn es nach vielen Überarbeitungen gelingt – die eigentliche Erfüllung.
Zum Abschluss gab Christian Schnalke den Schülerinnen und Schülern eine einfache, eindringliche Botschaft mit auf den Weg: An den eigenen Träumen, Ideen und Zielen festhalten – auch wenn der Weg dorthin Arbeit und Durchhalten bedeutet.
Elisabeth Ilg
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