15. Oktober
Mentorenschaft am Birklehof
Wie junge Menschen entdecken, was in ihnen steckt
Ein ganz normaler Nachmittag am Birklehof: Eine Schülerin kommt gerade aus dem Unterricht. Ihre Mentorin hat sie heute noch gar nicht gesehen. Dafür weiß die Musiklehrerin, dass sie seit Wochen an einem Stück arbeitet. Der Trainer hat erlebt, wie sie beim Hockey den Platz in der Mannschaft gefunden hat. Ihre Hauserwachsene weiß, dass sie gestern lange mit einer Freundin zusammensaß und heute Morgen ungewöhnlich still war. Und dann gibt es da noch jemanden, der vielleicht etwas ganz anderes in ihr entdeckt: ihr Mentor.
Am Birklehof wählen die Schülerinnen und Schüler ihre Mentorin oder ihren Mentor selbst, quasi als persönliche Vertrauensperson. So können vertrauensvolle Beziehungen über mehrere Jahre wachsen. Der geschulte Blick der Mentoren und Mentorinnen kann frühzeitig entdecken, welches Potenzial in den jungen Menschen schlummert. Lange bevor sie selbst darauf aufmerksam werden. Und oft entdecken sie auch völlig neue Seiten, welche selbst den Eltern und besten Freunden verborgen geblieben sind.
Wer passt zu mir?
Eine gute Mentorin oder ein guter Mentor muss nicht für alle gleich gut passen. Vielleicht ist es die Lehrerin, mit der man schon im Unterricht gerne diskutiert. Der Lehrer, der sich für dieselbe Sportart begeistert. Jemand, der ein Instrument spielt, sich für Naturwissenschaften interessiert oder einfach eine Art hat zuzuhören, bei der man sich verstanden fühlt. Entscheidend ist, dass die Beziehung stimmt, denn keine Bildung ohne Bindung.
Die Mentorin oder der Mentor begleitet die schulische und persönliche Entwicklung, ist Ansprechpartner bei Fragen und Sorgen, hört zu, berät und macht Mut. Und manchmal geht es auch darum, gemeinsam etwas zu entdecken: ein Talent, ein Interesse, eine Fähigkeit oder eine Möglichkeit, die man noch gar nicht in Betracht gezogen hatte.
Was interessiert mich wirklich? Was kann ich gut? Wofür möchte ich mich anstrengen? Was möchte ich noch ausprobieren? Und irgendwann auch: Was könnte daraus für mein eigenes Leben entstehen?
Mit Blick auf das Abitur werden diese Fragen konkreter. Aus Interessen entstehen Ideen, aus Ideen erste Vorstellungen vom eigenen Weg. Mentoring ist dabei keine professionelle Berufs- oder Lebenswegberatung. Aber: Eine Person, die zuhört, nachfragt, Talente wahrnimmt und einen jungen Menschen begleitet, kann helfen, aus vielen einzelnen Erfahrungen eine Vorstellung von sich selbst entstehen zu lassen.
Viele Eindrücke schärfen das Bild
Für alle Schülerinnen und Schüler am Birklehof, findet die Mentorenkonferenz vor den Herbstferien statt, rund sechs Wochen nach Schulbeginn. Die Mentorin oder der Mentor tauscht sich mit den Menschen aus, die das Kind in unterschiedlichen Situationen erleben. Wie kommt es an? Was gelingt gut? Wo liegen Interessen und Stärken? Hat es seinen Platz in der Gemeinschaft gefunden? Gibt es etwas, bei dem Unterstützung sinnvoll wäre? Denn auch hier gilt: Ein einzelner Mensch sieht immer nur einen Ausschnitt.
Anders als die gewohnten Zeugniskonferenzen, die vielerorts defizitorientiert sind, sich v.a. auf schwache Schüler konzentrieren und jedem Jugendlichen meist eine Minute Aufmerksamkeit widmen, richten wir in den Mentorenkonferenzen unseren Fokus auf das Positive: Stärken, Interessen, Fähigkeiten, Leidenschaften. Dafür nehmen wir uns reichlich Zeit – fünf volle Nachmittage, für manchen Schüler eine Viertelstunde.
Anschließend bespricht die Mentorin bzw. der Mentor die Beobachtungen mit der Schülerin oder dem Schüler und informiert auch die Eltern über die persönliche, schulische und soziale Entwicklung in einem ausführlichen schriftlichen Bericht.
Im Mathematikunterricht ist ein Schüler vielleicht konzentriert und zurückhaltend. Im Sport blüht er richtig auf. Im Instrumentalunterricht arbeitet er mit großer Ausdauer an einer schwierigen Stelle. Und im Wohnhaus ist er vielleicht derjenige, der merkt, wenn es einem anderen gerade nicht gut geht. Erst wenn wir diese unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen, werden wir dem, was seine Persönlichkeit und seine Potenziale angeht, gerecht.
Mit der Halbjahresinformation gibt es eine weitere Mentorenkonferenz. Beim Elterntreffen kommt anschließend noch etwas hinzu, das im Schulalltag sonst leicht zu kurz kommt: viel Zeit für den persönlichen Austausch.
Sechs-Augen-Prinzip im Internat
Für die im Internat lebenden Schülerinnen und Schüler kommt eine weitere wichtige Bezugsperson hinzu: die oder der Hauserwachsene. Sie erleben den Alltag der jungen Menschen unmittelbar. Sie sind da beim gemeinsamen Essen, beim Lernen, in der Freizeit, bei kleinen Konflikten und in all den unspektakulären Momenten, aus denen Alltag besteht.
Sie sind Ansprechpartner, Ratgeber, Zuhörer, Tröster und manchmal auch Streitschlichter. Gleichzeitig sind sie Vorbilder, sie gestalten das Zusammenleben in der jeweiligen Hausgemeinschaft und sorgen dafür, dass der gemeinsame Alltag für die Hausgemeinschaft gut verläuft.
So haben Internatsschülerinnen und -schüler zwei besonders wichtige erwachsene Bezugspersonen mit unterschiedlichen Rollen, aber der gleichen verantwortungsvollen Aufgabe: beide begleiten die schulische, persönliche und soziale Entwicklung und sorgen so dafür, dass sich jungen Menschen zu starken Persönlichkeiten entwickeln: menschlich, mündig, mutig.
Begleitung, die sich verändert
Im Leitbild des Birklehofs ist das Prinzip der Suche fest verankert. Wir kennen nicht jede Antwort, aber wir begeben uns gemeinsam mit unseren Schülerinnen und Schülern auf die Suche, herauszufinden, wie man ein Mensch wird. Wir möchten junge Menschen nicht in eine bestimmte Form bringen. Wir möchten ihnen Zeit und Zuwendung geben, ihre Interessen ernst nehmen, ihre Talente wahrnehmen und sie dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden – und dabei die Bodenhaftung nicht zu verlieren.
Eine Mentorin oder ein Mentor kann diesen Weg nicht für einen anderen Menschen gehen. Aber sie oder er kann ein Stück mitgehen, zuhören, nachhaken, ermutigen, eine andere Perspektive anbieten. Und oft ist es genau das, was jemand für den nächsten Schritt benötigt.

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