13. Mai

Elfte Generation im Weinberg: Johannes von Gleichenstein führt die Familientradition fort

Elfte Generation im Weinberg: Johannes von Gleichenstein führt die Familientradition fort

Die Ursprünge des Weinguts Freiherr von Gleichenstein inmitten des Kaiserstuhls reichen bis 1490 zurück, als das Kloster St. Blasien den Grundstein im idyllischen Oberrotweil leg-te. Die Gebäude entstanden aus sorgfältig vorbereitetem Holz, das im Winter geschlagen und über Jahre getrocknet wurde – Teile davon sind bis heute erhalten, ebenso wie der historische Weinkeller. Seit 1634 ist das Gut in Besitz der Familie von Gleichenstein, bis 1959 als Mischbetrieb, anschließend als reines Weingut.

Seit 2003 wird das Weingut bereits in elfter Generation von Altbirklehofer Johannes von Gleichenstein (Abiturjahrgang 1994) mit seiner Frau Christina geführt. Zusammen mit seinen Geschwistern Annabel und Julius besuchte er als interner Schüler den Birklehof und ist dort eng mit der Region und der Familientradition verbunden aufgewachsen. Schon früh war für ihn klar, dass er das Familienweingut in Oberrotweil eines Tages weiterführen möchte – mit viel Herz, aber auch mit dem Anspruch, die hohe Qualität und Professionalität fortzuführen. Die Leidenschaft für den Weinbau liegt ihm dabei im Blut. Seine fachliche Ausbildung absolvierte er in Geisenheim und Weinsberg, ergänzt durch ein halbes Jahr in Australien, wo er weitere praktische Einblicke gewinnen konnte. Als ausgebildeter Winzer und Önologe kehrte er schließlich in die Heimat zurück, um das Familienweingut mit neuen Impulsen und zugleich in enger Verbundenheit zur Tradition weiterzuführen. Damit folgt sein Weg auch dem Hoftestament, das vorsieht, dass jeweils die “am besten geeignete Person aus der Familie” die Verantwortung übernimmt.

Doch was bedeutet Johannes das Winzersein über die Familientradition hinaus? „Die Vielseitigkeit“, antwortet er, ohne zu überlegen. Besonders schätzt er, dass sein Produkt, der Wein auf ganz unterschiedliche Weise ausgebaut werden kann. Ebenso vielfältig ist seine Arbeit im Betrieb: Sie reicht vom Weinberg über den Keller bis hin zur Organisation, in der er als Schnittstelle zwischen den einzelnen Bereichen fungiert. Für ihn stünden dabei vor allem die Menschen im Mittelpunkt – Kunden, Vertreter, Agenturen und Mitarbeiter, mit denen er täglich zu tun habe.

Als Johannes und Christina das Weingut übernahmen, umfasste das Sortiment rund 100 verschiedene Weine – alle mit einheitlich gestalteten Etiketten. Es war an der Zeit, Struktur zu schaffen: Das Angebot wurde deutlich gestrafft, jede Qualitätsstufe erhielt ein eigenes Erscheinungsbild. Eine Entscheidung, die innerhalb der Familie nicht leichtfiel.

Gleichzeitig brachte der Generationenwechsel viele neue Ideen mit sich. So entstand 2021 erstmals der Spätburgunder-Likörwein „P“. Im darauffolgenden Jahr erfüllte sich Christina den Wunsch nach einem Crémant Rosé, 2023 kam ein Süßwein hinzu und 2024 schließlich die alkoholfreie „Triebele-Schorle“. Wichtig ist Johannes dabei die klare Abgrenzung: Die Triebele-Schorle ist kein entalkoholisierter Wein. Einen alkoholfreien Wein, der ihn wirklich überzeugt, habe er bislang nicht gefunden, daher begegne er diesem Trend eher zu-rückhaltend. Hinzu kommt, dass es in Deutschland nur wenige Anlagen zur Entalkoholisierung gebe – und keine in unmittelbarer Nähe. Sowohl der Prozess selbst als auch der Transport würden die CO₂-Bilanz deutlich belasten, was er bewusst vermeiden möchte.

Am Beispiel des alkoholfreien Weins machte Johannes deutlich, dass der Weinbau heute vor vielfältigen Herausforderungen steht. So ist Deutschland nach wie vor ein Weinimportland: Regionale Weine erreichen lediglich einen Marktanteil von rund 42 %, obwohl etwas mehr als die Hälfte der hierzulande konsumierten Weinmenge auch in Deutschland produziert wird. Dieses Verhältnis gelte es künftig zugunsten deutscher Weine zu verschieben. Zugleich verändert sich das Konsumverhalten spürbar. Jüngere Generationen trinken weniger Alkohol und greifen auch seltener zu Wein. Zwar gewinnt der Regionalgedanke für sie zunehmend an Bedeutung, gleichzeitig sind sie jedoch deutlich preissensibler als ältere Konsumentengruppen. Darüber hinaus sehen sich insbesondere landwirtschaftliche Betriebe, die stark auf Handarbeit angewiesen sind, durch die Regelungen zum Mindestlohn mit erheblichen wirtschaftlichen Belastungen konfrontiert. In der Folge legen viele Betriebe Flächen still.

Auch Johannes prüft jeden Weinberg sorgfältig und stellt sich dabei stets die Frage, ob der Aufwand für die Bewirtschaftung in einem angemessenen Verhältnis zum Ertrag steht. So hat er bereits einige Weinberge – insbesondere solche in Waldrandlagen mit hohem Wilddruck durch Rehe – gerodet und dem Naturschutz zur Verfügung gestellt, etwa für die Anlage von Bienenwiesen. Als wirtschaftlich attraktivere Alternativen für anspruchsvolle Weinbauflächen nannte er den Anbau von Trüffeln, Nüssen oder Oliven. Dabei erfordert insbesondere der Trüffelanbau ein langfristiges Denken über Generationen hinweg: Für seinen ersten Hektar Trüffelkultur rechnet Johannes erst nach sechs bis acht Jahren mit einem Ertrag.

Doch wirtschaftliche Anpassungen im Anbau allein reichen nicht aus, um den aktuellen Herausforderungen im Weinbau zu begegnen. Ebenso entscheidend sei es, neue Wege in der Ansprache und im Erlebnis für Kundinnen und Kunden zu gehen. In Deutschland bestehe hier noch deutlicher Nachholbedarf – insbesondere im Vergleich zu Ländern wie Südafrika, wo Weingüter ihre Produkte oft als ganzheitliches Erlebnis inszenieren. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung haben Johannes und Christina mit der Eröffnung ihrer Weinlounge inmitten von Reben und Olivenbäumen gemacht. Aus einer Idee, zahlreichen Gesprächen und einem studentischen Wettbewerb ist so ein besonderer Ort entstanden. Johannes schätzt dabei besonders die Rolle des Gastgebers und freut sich darauf, viele Gäste auch persönlich willkommen zu heißen. Das gelte ganz besonders für seine alten Freundschaften aus der Birklehof-Zeit, die ihn bis heute begleiten. Zudem erinnert er sich mit einem gewissen Schmunzeln daran, dass ein ehemaliger Lehrer, Herr Winfried Wagner, später auch seine eigenen Söhne unterrichtete.

Ob er Wein an Schulen verbieten würde, beantwortet Johannes klar: ein Internat solle auf das Leben vorbereiten – dazu gehöre auch, Alkohol einmal zu probieren, so wie es auch im familiären Umfeld geschehe. Entscheidend sei für ihn, dass das Leben in seiner Realität abgebildet werde.

Auf die Frage, welchen Wein er für den Birklehof kreieren würde, antwortet Johannes bildhaft: eher leicht und unbeschwert, vermutlich ein Rosé mit mäßigem Alkohol, dafür mit Spritzigkeit und Leichtigkeit, und einer floralen, vielleicht auch leicht provenzalischen Note. Kein schwerer, eng gefasster Wein, sondern einer mit Offenheit und Spielraum. Im Glas entfaltet er sich – so wie auch junge Menschen sich am Birklehof entfalten sollen: ohne zu enge Grenzen, mit Raum zur Entwicklung.

Spannende Einblicke in den Alltag vom Weingut Freiherr von Gleichenstein findet Ihr im neuen Imagefilm oder auf der Website bzw. den sozialen Medien.

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