18. September
Eine Welt als gemeinsame Verantwortung
Zum Gedenken an Klaus Boersch
Am 18. September nahmen Familie, Freunde, ehemalige Schülerinnen und Schüler und zahlreiche Weggefährten Abschied von Klaus Boersch, der den Birklehof über fast drei Jahrzehnte geprägt hat. In seiner Trauerrede im Namen des Birklehofs zeichnete Winfried Wagner, Lehrer und Unterrichtsleiter am Birklehof von 1982 bis 2003, das Bild eines charismatischen Menschen voller Lebensfreude und Optimismus, der offen auf andere zuging und ihnen echtes Interesse entgegenbrachte. Klaus Boersch war vielseitig interessiert, ging den Dingen auf den Grund und hatte, so Wagner, den Mut, sich Träume zu erlauben und Visionen zu entwickeln.
Als Klaus Boersch 1968 an den Birklehof kam, wollte er „mit der Jugend neue Wege gehen“. Aus den ursprünglich vorgesehenen fünf Jahren wurden schließlich 29. Er unterrichtete Latein und begleitete viele Generationen von Schülerinnen und Schülern im Religionsunterricht bis zum Abitur. Dabei unterstützte er den ökumenischen Ansatz, der katholische und evangelische Jugendliche zusammenführte – ein wichtiges Zeichen in einer Welt, die von religionsbedingten Auseinandersetzungen geprägt ist. Für die Fünft- und Sechstklässler begann der Schultag in vielen Jahren mit seiner Spielstunde. Hierbei ging es nicht um den Sieg des Einzelnen, sondern um den Erfolg der Gruppe: Die Gemeinschaft sollte gewinnen. Auch Theaterstücke, die er zusammen mit seiner Frau Ursel mit den jüngeren Schülerinnen und Schülern einstudierte, gehörten zu seinem Engagement.
Viele Altbirklehoferinnen und Altbirklehofer erinnern sich an gemeinsame Wanderungen im Schwarzwald, etwa zur Oswald-Kapelle in der Vorweihnachtszeit, an Aufenthalte in Taizé und an die Teilnahme an Kirchentagen. Zu Beginn und zum Ende eines jeden Tertials gestaltete Klaus Boersch Andachten auf dem Hirschenhügel. Wie Winfried Wagner in seiner Trauerrede hervorhob, gelang es ihm, Gedanken bekannter und weniger bekannter Denkerinnen und Denker so zu vermitteln und auf das Wesentliche herunterzubrechen, dass jede und jeder etwas für sich daraus mitnehmen und einen eigenen Bezug dazu finden konnte. Ob in der Spielstunde, bei Theaterproben, auf Wanderungen oder in den Andachten – Klaus Boersch verstand es, junge Menschen für neue Erfahrungen zu öffnen und sie zu ermutigen, über die eigene Lebenswelt hinauszublicken.
Wie weit Klaus Boerschs Blick über den Birklehof, Deutschland und Europa hinausreichte, zeigt sein wichtigstes Projekt: das Sahel-Projekt, das Anfang der 1970er-Jahre an der Schule Birklehof Gestalt annahm. Die Grundlage dafür war seine Überzeugung: „Keine Hälfte der Welt kann ohne die andere Hälfte überleben.“ – ein Satz, den er auf einem Plakat in jedes Klassenzimmer am Birklehof brachte. Für Klaus Boersch waren die Lebensbedingungen der Menschen auf der Nord- und Südhalbkugel untrennbar miteinander verbunden. Er hatte selbst erlebt, wie der Wohlstand in der Bundesrepublik in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg stetig wuchs und sich zugleich die Kluft zwischen der Nord- und Südkugel vergrößerte. Aus diesem Bewusstsein erwuchs für ihn die Verantwortung, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten – eine Hilfe, die Menschen darin unterstützt, ihre Lebensbedingungen aus eigener Kraft zu verbessern.
Im Mittelpunkt des Sahel-Projekts standen deshalb grundlegende Bedürfnisse wie Wasser, Nahrung und Bildung. Dieser Ansatz nahm Gedanken vorweg, die später unter dem Begriff der Grundbedürfnisstrategie Eingang in entwicklungspolitische Konzepte fanden. Zugleich setzte das Projekt ein Zeichen in einer Zeit, in der Entwicklungshilfe immer weniger Gegenstand der öffentlichen Diskussion war. Das Sahel-Projekt wurde zu einem lebendigen Zeugnis christlichen Humanismus, der Klaus Boerschs Haltung ebenso prägte wie sein pädagogisches Wirken. Verantwortung zu übernehmen, die Würde anderer Menschen zu achten und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen – diese Werte gehören bis heute zum pädagogischen Selbstverständnis des Birklehofs.
Das Projekt lebte von vielen Menschen und den Ideen, mit denen sie es unterstützten. Im Zentrum der Spendensammlung stand der Weihnachtsmarkt am Birklehof, der 2026 bereits zum 53. Mal stattfinden wird. Jahr für Jahr engagierten sich Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und weitere Mitglieder der Schulgemeinschaft, um mit Selbstgebasteltem und Selbstgebackenem Spenden für das Sahel-Projekt zu sammeln. Daneben gab es zahlreiche weitere Aktionen: Schülerinnen und Schüler pflückten Narzissen in den Vogesen und im Elsass und verkauften sie in Hinterzarten, bemalten Ostereier und beteiligten sich an Fahrten, um Obst und Gemüse am Kaiserstuhl zu ernten. Theater- und Zirkusaufführungen, Benefizkonzerte, Vorträge, Kleiderverkäufe und Nikolausfahrten durch das Dorf brachten weitere Spenden ein. Manche Jugendliche verzichteten auf Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke oder spendeten Geld, das sie in den Ferien selbst verdient hatten. So wurde die Unterstützung des Sahel-Projekts zu einer gemeinsamen Aufgabe, bei der viele Menschen über Generationen hinweg Verantwortung übernahmen.
Die Idee fand über den Birklehof hinaus Unterstützung. 1974 schloss sich die Grund- und Hauptschule Hinterzarten an; im Laufe der Jahre beteiligten sich weitere Schulen, Organisationen und Privatpersonen. Aus einer Initiative am Birklehof wurde eine gemeinsame Aufgabe, die Menschen über die Schule hinaus verband.
Wie konkret diese Hilfe wirkte, zeigen die Projekte in den Dörfern Ost-Nigers. Dort wurden Trinkwasserbrunnen und Wasserpumpen eingerichtet, Gemüsegärten angelegt, Bäume gepflanzt und Schulgebäude errichtet oder instandgesetzt. Die Dorfschulen erhielten neue Möbel. Durch regelmäßige Besuche und Berichte aus den Partnerorten blieben die Ergebnisse für die Beteiligten am Birklehof sichtbar. Fotografien, Briefe, Zeichnungen und Informationen machten deutlich, was durch die gemeinsame Arbeit möglich wurde. Die Schülerinnen und Schüler konnten erleben, dass ihr Einsatz tatsächlich etwas veränderte.
Zu Klaus Boerschs Verständnis von Hilfe gehörte der Respekt vor den Menschen vor Ort. Die Vorhaben sollten mit ihnen abgestimmt und durch verlässliche Kontakte begleitet werden. Er wollte keine Abhängigkeiten schaffen und keine fremden Vorstellungen überstülpen. Die Helfenden sollten sich, wie er es formulierte, „nach Möglichkeit weitgehendst im Hintergrund“ halten und lernen, sich zurückzunehmen. Entscheidend war für ihn, die Eigenständigkeit der Menschen zu stärken und ihre Leistungen anzuerkennen. Dazu gehörte auch, Kritik ernst zu nehmen und die eigene Arbeit immer wieder zu überprüfen.
Für sein Engagement wurde Klaus Boersch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Er verstand diese Arbeit jedoch nicht als Leistung eines Einzelnen. Sie beruhte auf dem Einsatz vieler Menschen, die seine Idee aufgriffen und weitertrugen. Auch seine Frau Ursula unterstützte das Projekt mit großem Engagement und gab ihm wichtigen Rückhalt. Bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand beschrieb Götz Plessing, Schulleiter der Schule Birklehof von 1985 bis 2002, Klaus Boersch mit dem Bild der „Unruhe“ einer Uhr: als einen Menschen, der Kraft weitergab und andere in Bewegung setzte. Das Bild trifft etwas Wesentliches an ihm. Klaus Boersch konnte anstoßen, nachfragen und zum Mitmachen ermutigen – und zugleich anerkennen, dass ein gemeinsames Vorhaben von vielen getragen wird.
Das Sahel-Projekt besteht seit mehr als 50 Jahren. Es steht für Klaus Boerschs Überzeugung, dass wir auf einer gemeinsamen Erde leben und füreinander Verantwortung tragen. Aus seinem Schülerprojekt wurde ein Modell persönlicher Entwicklungshilfe und am Birklehof ein dauerhaftes Programm. In Winfried Wagners Worten hat Klaus Boersch der Schulgemeinschaft damit eine Verpflichtung auferlegt. Wir am Birklehof wollen sein Werk fortsetzen und hoffen, seinem Vermächtnis gerecht zu werden: Menschen dabei zu unterstützen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, ihre Würde und Eigenständigkeit zu achten und in unserem Einsatz verlässlich zu bleiben. Dass sich bis heute Menschen für das Projekt engagieren, zeigt, wie weit Klaus Boerschs Vision getragen hat – und dass sie weiterwirkt.
Text: Winfried Wagner
Fotos: Daniel Uebel (Abiturjahrgang 1996)

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