15. Oktober
Birklehof Backstage: Dr. Stefanie Hardung im Interview
Über Forschung, Unterricht und die Freude am Entdecken
Was macht die Menschen am Birklehof eigentlich aus, wenn gerade kein Unterricht stattfindet? Mit unserer Blogserie „Birklehof Backstage“ werfen wir einen Blick hinter die Kulissen und zeigen die vielen Facetten unserer Kolleginnen und Kollegen: Ehrenämter, besondere Sportarten, kulturelles Engagement oder wissenschaftliche Projekte.
In dieser Ausgabe sind wir neugierig auf Stefanie Hardung. Neugierig bleiben, Fragen stellen, genau hinschauen – das liebt sie auch jenseits des Campus.
Neugier als Antrieb
Birklehof: Frau Dr. Hardung, was hat Sie ursprünglich für die Naturwissenschaften begeistert? Gab es eine Frage, ein Erlebnis oder einen Menschen, der Ihre Neugier geweckt hat?
Dr. Stefanie Hardung: Ehrlich gesagt war mein Einstieg in die Naturwissenschaften weniger spektakulär, als man vielleicht vermuten würde: Ich hatte keine Lust auf eine Ausbildung im Büro, und der Ausbilder für Chemielaboranten war einfach ein echt sympathischer Typ. Also dachte ich mir: Warum nicht?
Dass daraus einmal eine Karriere in der Hirnforschung werden würde, hätte ich damals wohl selbst nicht gedacht. Mit der Zeit hat mich dann die Frage gepackt, warum unterschiedliche Zelltypen im Gehirn verschiedene Arten von Tumoren bilden. Und spätestens da war meine Neugier geweckt. Heute fasziniert mich am Gehirn vor allem seine unglaubliche Komplexität und Veränderbarkeit – und dass wir trotz all unseres Wissens noch so viel nicht verstehen.
Birklehof: Sie bewegen sich zwischen wissenschaftlicher Arbeit an der Universität und dem Unterricht am Birklehof. Was gibt Ihnen die eine Welt, das die andere nicht bieten kann?
Dr. Stefanie Hardung: Die beiden Welten ergänzen sich für mich auf eine ganz besondere Weise. In der Forschung kann ich Experimente entwickeln und versuchen, etwas herauszufinden, das wir bisher noch nicht wissen. Ich kann den Fragen nachgehen, die mich faszinieren. Am Birklehof kann ich diese Begeisterung mit den Schülerinnen und Schülern teilen.
Ihre Fragen bringen mich manchmal selbst dazu, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Genau das mag ich an der Verbindung von Forschung und Schule: Ich kann nicht nur Wissen weitergeben, sondern lerne selbst immer wieder dazu.
Wenn Wissenschaft auf Wirklichkeit trifft
Birklehof: Was kann man im Labor erforschen, das sich im Klassenzimmer nicht vermitteln lässt – und was lernen Sie umgekehrt von Ihren Schülerinnen und Schülern, das Sie in der Forschung nicht erleben würden?
Dr. Stefanie Hardung: Im Labor sehe ich Messdaten, beobachte Prozesse, entwickle Experimente und erlebe, dass nicht immer alles so funktioniert wie geplant. Gerade dieses Scheitern gehört zur Forschung dazu. Ein Experiment, das nicht das gewünschte Ergebnis liefert, ist nicht automatisch ein schlechtes Experiment. Manchmal lerne ich daraus besonders viel.
Diese wertvolle Erfahrung des “Scheiterns und Durchhaltens” kann ich im Klassenzimmer nicht 1:1 nachbilden. Aber ich kann versuchen, den Schülerinnen und Schülern einen authentischen Einblick in wissenschaftliches Arbeiten zu geben – auch in die Unsicherheiten und Umwege, die in einem Lehrbuch oft unsichtbar bleiben.
Umgekehrt bringen Kinder und Jugendliche eine wunderbare Unvoreingenommenheit mit. Sie stellen Fragen, auf die man selbst vielleicht gar nicht gekommen wäre, weil man sich an bestimmte Denkweisen gewöhnt hat. Das finde ich sehr wertvoll.
Birklehof: Wann wird aus einem naturwissenschaftlichen Thema für Sie eine wirklich spannende Frage? Muss man etwas verstehen, oder reicht es, eine vermeintlich einfache Sache plötzlich mit anderen Augen zu sehen?
Dr. Stefanie Hardung: Für mich wird es spannend, wenn etwas, das zunächst selbstverständlich erscheint, plötzlich Fragen aufwirft. Wir bewegen uns beispielsweise jeden Tag, ohne darüber nachzudenken, wie unser Gehirn Bewegungen plant, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren und wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und auf deren Veränderung blitzschnell reagieren.
Wenn man anfängt, solche alltäglichen Dinge genauer zu betrachten, merkt man schnell, wie wenig selbstverständlich sie eigentlich sind.
Birklehof: Im +MINT BIONIC HAND Camp beschäftigen sich Jugendliche mit der Verbindung von Mensch und Technik. Was fasziniert Sie an dieser Schnittstelle besonders? Wo wird es wissenschaftlich spannend – und wo vielleicht auch philosophisch?
Dr. Stefanie Hardung: Besonders spannend finde ich die Frage, wie Technik und unser Körper zusammenarbeiten können. Eine Prothese kann Bewegungen ermöglichen. Aber wie wäre es, wenn wir damit nicht nur greifen, sondern auch fühlen könnten?
Doch, was bedeutet es eigentlich, etwas bewusst wahrzunehmen oder zu fühlen? Wie entsteht aus elektrischen Signalen in unserem Gehirn ein bewusstes Erleben? Und können wir irgendwann technische Systeme entwickeln, die nicht nur Informationen verarbeiten, sondern auch eine Form von Wahrnehmung ermöglichen? An dieser Schnittstelle zwischen Gehirn, Technik und Bewusstsein wird es für mich besonders spannend.
Junge Menschen für neue Wege gewinnen
Birklehof: Wie bringt man Jugendliche dazu, sich auf eine Frage einzulassen, deren Antwort sie noch gar nicht kennen?
Dr. Stefanie Hardung: Ich glaube, am besten gelingt das, wenn man ihnen etwas zutraut und ihnen die Möglichkeit gibt, selbst aktiv zu werden. Man muss nicht immer zuerst alles erklären. Manchmal ist es viel spannender, ein Problem in den Raum zu werfen und gemeinsam zu überlegen, wie man es lösen könnte.
Mir ist wichtig, nicht sofort jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen. Natürlich unterstütze ich, wenn jemand nicht weiterkommt. Aber ich möchte auch den Raum lassen, in dem Schülerinnen und Schüler eigene Lösungswege entwickeln können. Dafür braucht es Vertrauen und eine Atmosphäre, in der man keine Angst haben muss, etwas Falsches auszuprobieren.
Birklehof: Was beobachten Sie bei Schülerinnen und Schülern, wenn sie plötzlich merken: Ich kann das tatsächlich selbst herausfinden oder bauen?
Dr. Stefanie Hardung: Ich finde es besonders schön, wenn aus anfänglicher Unsicherheit echte Begeisterung wird. Wenn etwas nicht funktioniert, sie dennoch weiterprobieren und plötzlich selbst die Lösung finden. Oft entstehen dann gleich neue Ideen und Fragen.
In solchen Momenten merken die Jugendlichen, dass sie viel mehr selbst herausfinden und gestalten können, als sie sich zunächst zugetraut haben.
Birklehof: Naturwissenschaft und Technik werden noch immer häufig mit bestimmten Vorstellungen von Begabung und Beruf verbunden. Was würden Sie einem jungen Menschen sagen, der glaubt, dafür nicht der richtige Typ zu sein?
Dr. Stefanie Hardung: Naturwissenschaft und Technik werden oft mit besonderen Begabungen verbunden, etwa mit guten Mathematik- oder Informatikkenntnissen. Das halte ich für ein zu enges Bild. Vieles entwickelt sich erst, wenn man sich mit einer Sache beschäftigt, Fragen stellen darf und eigene Erfahrungen sammelt.
Ich würde deshalb fragen: Gibt es etwas, das dich interessiert und das du gerne verstehen würdest? Dann probiere es aus! Man muss nicht schon am Anfang alles können oder wissen, wohin der Weg führt.
Birklehof: Sie arbeiten mit Jugendlichen, die gerade erst anfangen, ihren eigenen Interessen und Fähigkeiten zu vertrauen. Was können Erwachsene von dieser Phase des Entdeckens lernen?
Dr. Stefanie Hardung: Vielleicht, dass wir nicht immer schon wissen müssen, was wir können und was nicht. Erwachsene entwickeln mit der Zeit oft ziemlich feste Vorstellungen von sich selbst. Wir wissen, worin wir gut sind, was uns liegt und was wir lieber vermeiden. Das gibt Sicherheit, kann aber auch dazu führen, dass wir bestimmte Möglichkeiten gar nicht mehr in Betracht ziehen.
Jugendliche probieren häufiger noch aus, wer sie sein möchten und was sie interessiert. Dabei entstehen manchmal Fähigkeiten, die vorher niemand erwartet hätte – vielleicht nicht einmal sie selbst.
Birklehof: Was hat Sie in Ihrer Arbeit mit jungen Menschen zuletzt überrascht – fachlich oder menschlich?
Dr. Stefanie Hardung: Mich überrascht immer wieder, welche kreativen Lösungswege Jugendliche finden, wenn man ihnen etwas zutraut und Raum zum Ausprobieren gibt. Häufig entstehen dabei Ideen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre.
Birklehof: Wenn Sie einen Tag lang eine wissenschaftliche Frage verfolgen könnten, ohne auf Zeit, Geld oder andere Rahmenbedingungen achten zu müssen: Welche wäre das?
Dr. Stefanie Hardung: Ich habe das große Glück, mich beruflich bereits mit Fragen beschäftigen zu dürfen, die ich unglaublich spannend finde. Wenn ich allerdings unbegrenzte Mittel und viele geniale Mitstreiter zur Seite hätte, wäre mein Ziel klar: Alzheimer heilen. Eine Erkrankung, die nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch das ihrer Familien so tiefgreifend verändert, eines Tages besiegen zu können, wäre für mich eine der bedeutendsten Errungenschaften überhaupt.

Stefanie Hardung backstage
Birklehof: Gibt es eine Leidenschaft, eine ungewöhnliche Fähigkeit oder ein Interesse, wovon die Menschen am Birklehof noch nichts wissen? Was würde Ihre Schülerinnen und Schüler besonders überraschen?
Dr. Stefanie Hardung: Ich glaube, viele würde überraschen, dass ich neben meiner Liebe zur Kampfkunst auch ein richtiges Pferdemädchen bin. Ich liebe die Zeit mit meinen beiden Isländern. Mit ihnen kann ich die Schönheit und Ruhe der Natur genießen, durchatmen und den Kopf freibekommen. Ihre ehrliche Art und die Zeit draußen helfen mir, zwischen Schule, Uni und Familie immer wieder innezuhalten und das Wesentliche im Leben nicht aus den Augen zu verlieren.
Birklehof: Welche kleinen Dinge machen für Sie einen ganz normalen Tag zu einem schönen Tag?
Wenn ich morgens die verschlafenen Gesichter meiner Kinder sehe und für einen Moment einfach nur denke: Wie schön, dass es euch gibt! Ohne im Kopf schon die To-do-Liste abzuarbeiten, wenn die Welt für einen Moment warten darf. …Und der Kaffee heiß aus der Maschine läuft.
Birklehof: Was möchten Sie Ihren Schülerinnen und Schülern mitgeben, das über Biologie und Naturwissenschaft und Technik hinausgeht?
Dr. Stefanie Hardung: Ich möchte ihnen mitgeben, stehts ihren eigenen Weg zu gehen und sich nicht davon aufhalten zu lassen, woher sie kommen oder was andere ihnen zutrauen. Nicht immer läuft alles geradeaus, und manchmal braucht es Umwege. Wichtig ist, dass man nicht aufgibt und nie aufhört, an sich selbst zu glauben.



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