13. Februar

Lernt die Menschheit aus ihrer Geschichte?


Die Theater-AG der Schule Birklehof bringt mit Die Reise der Verlorenen von Daniel Kehlmann ein bewegendes Stück auf die Bühne.


„Steigen Sie ein! Kommen Sie an Bord der St. Louis!“ Das Theaterpublikum wird von Schiffskapitän Gustav Schröder und Kellner Leo Jockl bereits am Eingang des Musikhauses in Empfang genommen. Es geht hinein auf ein in Nebelschwaden gehülltes Schiffsdeck. Die Schiffsgäste begeben sich damit auf eine historische Reise: Wir schreiben das Jahr 1939, die St. Louis ist kurz davor, von Hamburg nach Havanna aufzubrechen und das Publikum ist mittendrin. Schnell wird klar, dass der Zuschauerraum Teil des theatralen Geschehens ist. Die direkte Konfrontation mit der Vergangenheit als eindrückliche Mahnung für die Gegenwart.  

Daniel Kehlmanns 2018 veröffentlichtes Theaterstück Die Reise der Verlorenen erzählt die Geschichte von 937 jüdischen Geflüchteten, die sich von der Überfahrt mit einem Hapag-Schiff von Nazideutschland nach Kuba Sicherheit und Schutz erhofften. Stattdessen wurden sie zum Spielball innen- und außenpolitischer Machtpolitik, sodass die Geflüchteten weder in Havanna noch in Miami Asyl fanden, sondern zurück auf europäischem Boden in Kontingenten nach Belgien, Großbritannien, Frankreich und in die Niederlande gebracht wurden. Ein Viertel von ihnen starb in Konzentrationslagern nach der feindlichen Übernahme durch Nazideutschland im Laufe des Zweiten Weltkriegs. 

Es sind die Figuren selbst, die gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass sie aus einer historischen Wirklichkeit hervorgegangen sind, deren Verlauf bekannt ist. So ruft der Hebräischlehrer Aaron Pozner mitten im Zuschauerraum uns Schiffsgästen zu: „Wir sind keine erfundenen Figuren, und deswegen müssen wir es auch nicht spannend machen. Ich werde meine Frau und Kinder nie wiedersehen. Nur mein Tagebuch wird überdauern. Deshalb kennt man meine Geschichte.“ Es geht an diesem Theaterabend nicht nur darum, was auf der St. Louis passiert ist. Es geht darum, warum es passiert ist und wie wir daraus lernen können.

Im Zuge globaler Fluchtbewegungen in den 2010er-Jahren sind immer wieder Parallelen zu historischen Fluchtbewegungen im Rahmen des Zweiten Weltkriegs gezogen worden. Ein bekanntes Beispiel ist Christian Petzolds Spielfilm Transit (2018), der auf Anna Seghers gleichnamigem Roman basiert. Seghers floh 1940 nach dem Einmarsch der Wehrmacht von Paris nach Marseille und musste dort monatelang auf ihr Visum warten. Über Spanien und Portugal gelangte sie letztlich nach Mexiko. Auch Daniel Kehlmann, der vor allem als Romanautor bekannt ist (am populärsten: Die Vermessung der Welt), entwirft in einem seiner wenigen Theaterstücken einen solchen Transitraum, der von unerträglicher Ungewissheit gezeichnet ist. Kehlmann greift dafür den historischen Stoff der St.-Louis-Fahrt aus dem 1974 erschienenen Buch Voyage of the Damned (Gordon Thomas/Max Morgan-Witts) auf, das als Hollywoodverfilmung 1976 ein breites Publikum erreichte. Er macht daraus ein Erzähltheater, das sich immer wieder in direkten Ansprachen an das Publikum wendet, in dem Figuren ihre eigenen Fehler eingestehen und alternative Handlungsoptionen aufzeigen. All das sind gestalterische Mittel, die das Publikum zum Nachdenken anregen sollen, was in der Birklehof-Inszenierung auf eindrückliche Weise gelingt.   

Die Theater-AG präsentierte in insgesamt drei Aufführungen (12.-14.02.2026) eine nahezu textgetreue Inszenierung von Kehlmanns Stück. Es handelt sich um ein klassisches Schauspieltheater, das weniger die Vielfalt theatraler Zeichensysteme bedient als vielmehr den Stoff in den Vordergrund rückt: Es sollen Geschichten erzählt werden. Dies geschieht in einer außerordentlichen Kollektivleistung der Theater-AG, die für dieses Stück Schülerinnen  und Schüler der Klassenstufen 7 bis Q2 vereint. Die  Bühnenpräsenz dieser Gruppe ist überwältigend, sodass die Tragik des Stücks das Publikum sichtlich betroffen macht. Dazu trägt auch eine feingliedrige Lichtgestaltung bei, die Räume atmosphärisch erfahrbar macht. Stimmen und Geräusche aus dem Off wurden geschickt orchestriert. Die Bühne ist nur spärlich ausgestattet – ein Büro braucht nur ein Telefon, eine Kabinettssitzung in Kuba kann ganz schnell im Sitzkreis durchgeführt werden. Das passt hervorragend zum Konzept des Stücks, das überwiegend erzählerisch freizulegen vermag, wie einzelne am Schicksal der St. Louis beteiligte Akteure handeln und welche Interessen dahinterstecken.

Björn Grimms erstes Stück als Leiter der Theater-AG ist ein mitreißendes Debüt. Die Theater-AG hat es wieder einmal geschafft, ein engagiertes Stück von gesellschaftspolitischer Aktualität auf die Bühne zu bringen. Während in Brechts Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui das Aufkeimen des Faschismus verhandelt wurde (2024), handelt es sich bei Die Reise der Verlorenen um ein dokumentarisches Theater, das die tragischen Schicksale jüdischer Geflüchteter und ein damit verbundenes Versagen politischer Akteure fokussiert. Der Zuschauerraum war erfüllt von Erschütterung und Nachdenklichkeit, die Grimm nach einem langanhaltenden Applaus mit dem Appell verband, diese Geschichten aus dem Musikhaus nach außen zu tragen. In der Hoffnung, dass die Menschheit aus ihrer Geschichte lernt.

Mitwirkende:
Elias Weckerle (Otto Schiendick), Mika Jenßen (Gustav Schröder), Rafael Eckert (Leo Jockl), Victor Nowak (Dr. Fritz Spanier), Emilia Jacober (Babette Spanier), Julia Gluszczyk (Aaron Pozner), Ziyao Fei (Max Loewe), Emma Götte (Elisa Loewe, Polizist), Tymur Pavliuchenko (Otto Bergmann), Marta Neijstrom (Charlotte Bergmann), Amelie Czech (Max Aber), Sophie Gunzlé (Renata Aber, Fotograf), Chloé Gantert (Evelyne Aber, Cordell Hull, Fotograf), Mia-Marie Gorska (Marianne Bardeleben, Henry Morgenthau), Arian Renda (jüdischer Sänger), Jana Gersch (Konsul Holthusen), Feicitas von Buchwaldt (Morris Troper, Joshua B. Wright), Marlon Tritschler (Herbert Emerson, Joseph P. Kennedy, General Fulgencio Batista), Jan-Jakob Oldenstädt (Luis Clasing), Luise Ege (Robert Hoffmann), Charlotte Herych (Laredo Brú), Siyue (Anna) Zhang (Manuel Benítez González), Aster Leis (Juan Ramos, britischer Staatssekretär), Mayra Pierce (Hauptmann Gomez, Major Garcia), Sara Felicitas Schletter (Lawrence Berenson)

Regie und AG-Leitung: Björn Grimm
Technische Leitung: Simon Geisler
Soufflierende: Pia Allweiler
Garderobiere: Saskia Schwanhäußer 
Musik: Marko Cirkovic

Text: Matthias Hauk
Fotos: Hanspeter Trefzer

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