Ein großartiger Höhepunkt des Elterntreffens: das Musiktheater über Hilletje Jans

Die Grenzen zwischen Lachen und Weinen, zwischen Freude, Trauer und Wut sind fließend, und manchmal sind sie gar nicht vorhanden. Jeder weiß das, und doch ist es nur selten so deutlich mitzuerleben wie in dem „besonderen Leben der Hilletje Jans“. Nach der fabelhaften Aufführung des Musiktheater-Stücks aus der Feder des niederländischen Dramatikers Ad de Bont durch Schülerinnen und Schüler des Birklehofs ist deutlich geworden, wie brüchig und gefährdet Freiheit und Gerechtigkeit sind, wie sehr es Not tut, sie zu verteidigen.

Um das zu zeigen, führen uns das Stück und die Schüler in die Niederlande des 18. Jahrhunderts, in eine nur für die damaligen Verhältnisse überaus moderne, doch in Wahrheit zutiefst ungerechte und unaufgeklärte Gesellschaft, in der Menschen mit unterschiedlichen Chancen ins Leben treten und kaum Möglichkeiten haben, diese zu beeinflussen. Es geschieht eine Menge in diesen zwei Stunden, sie halten die Zuschauer in ihrem Bann: Das junge Mädchen Hilletje Jans (eindrucksvoll verkörpert von Amélie Dell‘Oro) wird, verwaist, von zu Hause vertrieben, ein Mord ihr in ihrer neuen Bleibe untergejubelt. Gegen alle Wahrscheinlichkeit gelingt es ihr, ein neues Leben zu beginnen, ermöglicht durch eine kühne Täuschung: Verkleidet als Mann wird sie zu Jan Hille und als solcher mit einem Schlag erfolgreich: Sie fährt zur See, wird Kapitän, schlägt listenreich Piraten zurück, wird zum Superstar in ihrer Heimat – bis sie ihre vermeintliche Vergangenheit dort wieder einholt und beinahe in den Abgrund stürzt.

Doch es ist nicht nur die himmelschreiende Ungleichheit von Mann und Frau, die sich in dem Stück zeigt und angeklagt wird. Immer wieder wird deutlich, wie tiefe Not, bodenlose Heuchlerei, kalter Zynismus und traurige Feigheit diese Gesellschaft bestimmen. So etwa, als Hilletje sich vor der Vertreibung durch ihre eigene Familie vergebens durch völligen Verzicht zu retten versucht: „Ich brauche doch nichts“, ruft sie, aber selbst das ist noch zu viel. Mit Belustigung und Abscheu zugleich verfolgen die Zuschauer, wie Hilletje nun in die Fänge ihrer Tante Thérèse gerät, in ihrem Zynismus, ihrer Härte und Kaltherzigkeit, aber auch in ihrem Laster und den abgründigen Zügen ihres Charakters brillant dargestellt durch Charlotte Claas. Thérèse schlägt sich durch, indem sie Regeln einer unbarmherzigen Gesellschaft zu ihren eigenen macht – und keine Rücksichten nimmt.

Das ist auch nicht die Sache des katholischen Priesters (Simcha Lehrer), der einige Zeit später in das Gefängnis eilt, um einer verzweifelten Hilletje Jans die Beichte abzunehmen. Vergeblich versucht Hilletje ihn von der Wahrheit und ihrer Unschuld zu überzeugen. Doch der Priester, der Zuspruch und Trost spenden soll, ist an dem Schicksal des Mädchens gar nicht interessiert, sondern nur an der Macht über fremde Seelen und dem Klang seiner eigenen Worte. Es gruselt einem, wie es Simcha Lehrer gelingt, den Geistlichen mit seinen Worten und Gesten zu einem Teufel werden zu lassen, der Hilletje nun auch die Unterstützung der Kirche wegschlägt. Verhaltenen Beistand erhält sie nur durch den scheinbar leutseligen, tatsächlich aber zerbrechlichen Gerbrand van Raamsdonck (großartig und sehr komisch: Derin Derdelen), einem Künstler und Schauspieler, der selbst eine Randexistenz lebt.

Tatsächlich erfährt in dieser Gesellschaft Gerechtigkeit nur, wem es gelingt, ihr zu entfliehen – so wie Hilletje Jans als männlicher Kapitän Jan Hille während ihrer Seefahrt nach Java. Hier erfährt sie Zusammenhalt, Kameradschaft, Anerkennung, vor allem durch wunderbar jovialen Aarnoud de Leeuw (Jan-Oliver Claas) – und verliert sie beinahe umgehend wieder, sobald sie zurück an Land gekommen ist und ihre Camouflage auffliegt.

Das Todesurteil wirkt unausweichlich, das ihr angehängte Mord-Verbrechen, die Vortäuschung, ein Mann zu sein: all das scheint ihr Schicksal zu besiegeln. Vor dem Untergang wird sie nur bewahrt durch das Eingreifen des Prinzen von Oranje. Als Herrscher kann er sich erlauben, was sonst keiner darf und kann, und sich über Recht und Konvention hinwegsetzen. Die Entscheidung des Gerichts verwirft er, der nichts zu befürchten hat und gesellschaftliche Regeln schon für sich selbst nicht gelten lässt, spielerisch und beinahe belustigt, begnadigt nebenbei auch Thérèses Tochter (leidenschaftlich dargestellt von Antonia Jacober), die wahre und nun urplötzlich reumütige Mörderin. Der Zuschauer bekommt jedoch kein Happy End präsentiert: Wo Unrecht nur durch Willkür beseitigt werden kann, herrscht keine Gerechtigkeit.

Diese ergreifende Geschichte erreicht den Zuschauer mit allen Sinnen, es gibt keine Sekunde ohne Emotion – auf der Bühne wird musiziert, gelacht, getanzt, gesungen, die Fetzen fliegen. Und es wird gekreischt und gejubelt. Allerdings nicht von den Hilletje Jans und ihren Leidensgenossen, sondern von einer Gruppe Girlies, den eigentlichen Strippenzieherinnen des Stücks. Es ist ein geradezu genialer Schachzug der fünf Regisseure des Stücks. Mit ihm versetzen sie die von Ad de Bont vorgesehenen Erzählerfiguren des Stücks in die Gegenwart, lassen aus ihnen Akteure werden und geben dem Stück damit zugleich Aktualität und Relevanz: Die Girlies inszenieren die tragische Geschichte als eine Art Videospiel, das sie in ihrem Youtube-Channel präsentieren. Das Schicksal der  Hilletje Jans interessiert sie dabei so wenig wie die Frage nach Gerechtigkeit. Sie beschäftigt nur die Show, ihr eigenes Aussehen und die Unterstützung ihres Sponsors. Auf famose und zugleich bedrückende Weise inszenieren Caroline Graser, Clara Schmidlechner, Anna Müller, Noel Taylor und Denise Franz diese Opfer einer allumfassenden Kommerzialisierung, die die Schwere des Schicksals der Hilletje Jans ebenso wenig erfassen können wie die Bedeutung von Gerechtigkeit und damit umso deutlicher machen, wie wichtig es ist, für sie einzutreten. „Wir wollten ein Stück aufführen, das Relevanz hat, das Menschen zum Nachdenken anregt“, hatte Co-Regisseurin und Deutschlehrerin Mechtild Kanz-Uhrmeister unmittelbar vor der Premiere berichtet. Das ist dem großartigen Team der Darstellerinnen und Darsteller, der Musikerinnen und Musiker und zahlreichen Helfern hinter der Bühne überaus eindrucksvoll gelungen – in einer herausragenden Qualität und mit einer schauspielerischen Leistung, wie sie selbst auf professioneller Bühne nur selten zu sehen ist. Chapeau!

 

 

Regie: Mechtild Kanz-Uhrmeister, Gwendolyn Wellmann, Eva-Maria Jacober, Roman Babler, Martin Zeidler

 

Text: Peter Itzen
Bilder: Hanspeter Trefzer