Vivre sans frontières – Ohne Grenzen leben

Internationales Schüler/innen-Begegnungsprojekt Friedensforum 08.-11.11.2018 in Strasbourg. Vivre sans frontières – Ohne Grenzen leben. Engagez pour la paix – Sich für den Frieden engagieren.  

Gerade will ich mich etwas umdrehen, da poltert es, und schwer und klatschend fällt ein Körper zu mir in den Trichter, rutscht ab, liegt auf mir – Ich denke nichts, ich fasse keinen Entschluß – ich stoße rasend zu und fühle nur, wie der Körper zuckt und dann weich wird und zusammensackt. Meine Hand ist klebrig und naß, als ich zu mir komme.

Der andere röchelt. Es scheint mir, als ob er brüllt, jeder Atemzug ist wie ein Schrei, ein Donnern – aber es sind nur meine Adern, die so klopfen. Ich möchte ihm den Mund zuhalten, Erde hineinstopfen, noch einmal zustechen, er soll still sein, er verrät mich; doch ich bin schon so weit zu mir gekommen und auch so schwach plötzlich, daß ich nicht mehr die Hand gegen ihn heben kann.

So krieche ich in die entfernteste Ecke und bleibe dort, die Augen starr auf ihn gerichtet, das Messer umklammert, bereit, wenn er sich rührt, wieder auf ihn loszugehen – aber er wird nichts mehr tun, das höre ich schon an seinem Röcheln. […]

Die Gestalt gegenüber bewegt sich. Ich schrecke zusammen und sehe unwillkürlich hin. Jetzt bleiben meine Augen wie festgeklebt hängen. Ein Mann mit einem kleinen Schnurrbart liegt da, der Kopf ist zur Seite gefallen, ein Arm ist halb gebeugt, der Kopf drückt kraftlos darauf. Die andere Hand liegt auf der Brust, sie ist blutig.

Er ist tot, sage ich mir, er muß tot sein, er fühlt nichts mehr – was da röchelt, ist nur noch der Körper. Doch der Kopf versucht sich zu heben, das Stöhnen wird einen Moment stärker, dann sinkt die Stirn wieder auf den Arm zurück. Der Mann ist nicht tot, er stirbt, aber er ist nicht tot. Ich schiebe mich heran, halte inne, stütze mich auf die Hände, rutsche wieder etwas weiter, warte – weiter, einen gräßlichen Weg von drei Metern, einen langen, furchtbaren Weg.

Endlich bin ich neben ihm.

Da schlägt er die Augen auf. Er muß mich noch gehört haben und sieht mich mit einem Ausdruck furchtbaren Entsetzens an. Der Körper liegt still, aber in den Augen ist eine so ungeheure Flucht, daß ich einen Moment glaube, sie würden die Kraft haben, den Körper mit sich zu reißen. Hunderte von Kilometern weit weg mit einem einzigen Ruck. Der Körper ist still, völlig ruhig, ohne Laut jetzt, das Röcheln ist verstummt, aber die Augen schreien, brüllen, in ihnen ist alles Leben versammelt zu einer unfaßbaren Anstrengung, zu entfliehen, zu einem schrecklichen Grausen vor dem Tode, vor mir. […]

Ich beuge mich vor, schüttelte den Kopf und flüstere:»Nein, nein, nein«, ich hebe eine Hand, ich muß ihm zeigen, daß ich ihm helfen will, und streiche über seine Stirn.

Die Augen sind zurückgezuckt, als die Hand kam, jetzt verlieren sie ihre Starre, die Wimpern sinken tiefer, die Spannung läßt nach. Ich öffne ihm den Kragen und schiebe den Kopf bequemer zurecht.

Der Mund steht halb offen, er bemüht sich, Worte zu formen. Die Lippen sind trocken. Meine Feldflasche ist nicht da, ich habe sie nicht mitgenommen. Aber es ist Wasser in dem Schlamm unten im Trichter. Ich klettere hinab, ziehe mein Taschentuch heraus, breite es aus, drücke es hinunter und schöpfe mit der hohlen Hand das gelbe Wasser, das hindurchquillt. […]

»Ich will dir ja helfen, Kamerad, camarade, camarade, camarade -«, eindringlich das Wort, damit er es versteht. […]

Diese Stunden. – Das Röcheln setzt wieder ein – wie langsam stirbt doch ein Mensch! Denn das weiß ich: er ist nicht zu retten. Ich habe zwar versucht, es mir auszureden, aber mittags ist dieser Vorwand vor seinem Stöhnen zerschmolzen, zerschossen. Wenn ich nur meinen Revolver nicht beim Kriechen verloren hätte, ich würde ihn erschießen. Erstechen kann ich ihn nicht. […]

Es ist der erste Mensch, den ich mit meinen Händen getötet habe, den ich genau sehen kann, dessen Sterben mein Werk ist. […]

Nachmittags um drei Uhr ist er tot.

Ich atme auf. Doch nur für kurze Zeit. Das Schweigen erscheint mir bald noch schwerer zu ertragen als das Stöhnen. Ich wollte, das Röcheln wäre wieder da, stoßweise, heiser, einmal pfeifend leise und dann wieder heiser und laut.[1]

„Im Westen nichts Neues“ ist ein Roman von Erich Maria Remarque, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht des jungen Soldaten Paul schildert. Obwohl Remarque selbst das Buch als unpolitisch bezeichnet hat, ist es als Antikriegsroman zu einem Klassiker der Weltliteratur geworden. In beiden Auszügen aus dem neunten Kapitel des Romans geht es um den deutschen Soldat Paul. Nach einem kurzen Inspektionsbesuch des Kaisers und einer Unterredung über Ursache und Sinn des Krieges geht es für ihn wieder an die Front. Bei einem Patrouillengang werden die Soldaten von einem gegnerischen Angriff überrascht. Paul rettet sich in einen Bombentrichter und stellt sich tot. Als ein Franzose ebenfalls in diesen Trichter springt, stößt Paul diesem aus Todesangst seinen Dolch in den Bauch. Aus schweren Schuldgefühlen heraus verspricht er dem Sterbenden, dass er sich um dessen Familie kümmern werde, obwohl er weiß, dass er diese Zusage nicht einhalten kann. Wegen der andauernden Gefahr muss Paul einen ganzen Tag lang neben dem Toten ausharren, bis er zurück in den deutschen Graben kriechen kann. Aufgewühlt erzählt er seinen Freunden von der persönlichen Konfrontation mit dem Feind und seinen Gewissensbissen.

Der Roman stellt eindringlich die Schrecken des Krieges dar. „Im Westen nichts Neues“ zeichnet das weitestgehend realistische Bild eines durch die Erfindung chemischer Waffen (Giftgas) und den Einsatz moderner Artillerie und Maschinengewehre gekennzeichneten Stellungskrieges. Eindrucksvoll beschreibt Remarque den grausamen Kampf an der Front, die leichenbedeckten Schlachtfelder, das elende Leben in den Schützengräben und den blutigen Alltag im Lazarett.

Vom 8.-11. November 2018 nahm eine Delegation von 10- und 11-Klässlern der Schule Birklehof am Friedensprojekt der Organisation „American Field Service“ (AFS) in Straßburg teil. Der AFS wurde 1914 in Paris von jungen Amerikanern gegründet, die in beiden Weltkriegen freiwillige Sanitätstransporte durchführten. Bereits zwischen den beiden Kriegen wurde mit einem Austauschprogramm für französische und amerikanische Studenten begonnen. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Schüleraustausch ins Leben gerufen, gestützt von der Idee, dass junge Menschen die besten Vermittler zwischen verschiedenen Kulturen seien.

Am 11. November 2018 jährte sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Annika, Ronja (beide Klasse 11), Alina, Clara, Sofya, Yue, Varvara, Frederik, Tony (alle Klasse 10) und Herr Dr. Thomas Hentrich-Hesse fuhren nach Straßburg, um an diesem Gedenken zusammen mit französischen und weiteren internationalen Schülern und Studenten zu erinnern und sich mit der Thematik der Friedenssicherung auseinanderzusetzen. Die Schüler wurden in französischen Gastfamilien in und in der Umgebung von Straßburg untergebracht und betreut. Am Freitag brachen wir zum Europaparlament auf und die Schüler arbeiteten in internationalen Gruppen auf Englisch und Herr Dr. Hentrich-Hesse mit anderen begleitenden Lehrern auf Französisch zu der Frage, was ein „Changemaker“ ausmacht und ihn charakterisiert. Auf Deutsch würde man diesen Begriff am besten mit „Wegbereiter“ übersetzen. Am Nachmittag wurden diese Diskussion aufgegriffen und inwiefern ein Problem im Alltag der Schüler eine Rolle spielt und wie sie dieses Problem lösen, um darauf ein länger dauerndes Projekt ins Leben zu rufen und somit selbst zum Changemaker zu werden. Nach einer Arbeitsphase wurde das Ergebnis im Europaparlament im Forum Robert Schumann von Alina vor den anderen 180 internationalen Teilnehmern präsentiert. Elle était vraiment courageuse et elle a bien fait!

Am Samstag fuhren wir zuerst nach Colmar und dann nach einem Aufenthalt weiter zum Hartmannsweilerkopf (frz. Hartmannswillerkopf) in den Vogesen bei Cernay. Auf Grund seiner exponierten und strategisch günstigen Lage mit Ausblick in die elsässische und Oberrhein-Ebene war der Hartmannswillerkopf im Ersten Weltkrieg zwischen Deutschen und Franzosen erbittert umkämpft: Der Kampf um den Gipfel begann am 31. Dezember 1914. Beide Seiten beschränkten sich darauf, ihre Linien zu halten. In den Schanzenkämpfen am Hartmannswillerkopf fanden 30.000 französische und deutsche Soldaten den Tod. Etwa doppelt so viele wurden verletzt. Sie führten jedoch für keine Seite zu einem Ergebnis und stehen heute deutlich für die Sinnlosigkeit des Krieges. Ein Umstand, die der Bergkuppe die Bezeichnung als „Menschfresser“ oder „Berg des Todes“ einbrachten.

In enger Kooperation mit verschiedenen Bürgermeistern von Orten um den Hartmannswillerkopf wurde die Feier in Absprache und Koordination mit dem Regierungspräsidium Freiburg, dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald sowie zahlreicher betroffener Behörden und Institutionen, wie AFS, vorbereitet. Mehr als 600 eingeladene Gäste sowie deutsche und französische Schülerinnen und Schüler nahmen an der Feier mit Kranzniederlegung, musikalischer Begleitung und den Fahnenträgern teil.

Am Sonntagmorgen, den 11. November fand die Feier des 100-jährigen Bestehens des Waffenstillstands des Ersten Weltkriegs auf dem Place de la République in Straßburg statt. Einheimische, Militärs und Veteranen versammelten sich vor dem Kriegerdenkmal.

Auf französischer Seite kam es im Ersten Weltkrieg zu 1.400.000 Opfer, 740.000 Behinderte, 3.000.000 Verwundete und Hunderttausende Witwen und Waisen. Diese Zahlen, die bei der Zeremonie am 11. November an diesem Sonntag in Straßburg von der Gewerkschaft der Verbände der Kämpfer und Kriegsopfer (UDAC) in Erinnerung gerufen wurden, erinnern an diese Erinnerungspflicht: „Wir sind unseren Toten für immer verschuldet. Ihr Opfer muss dem Frieden dienen.“

Es bestand auch die Gelegenheit, den American Field Service (AFS) zu ehren, dem Rettungsdienst, der „aus dem Engagement junger amerikanischer Freiwilliger aus eigenen Mitteln geboren“ ist, der mit seinen „1.500 Krankenwagen“ die Rettung Verwundeter auf den Schlachtfeldern durchführte.

Es waren für uns mit der Teilnahme am Friedensprojekt intensive Tage und haben verdeutlicht wie wichtig es ist, am Projekt Frieden weiter zu arbeiten und wir haben selbst erfahren wie aus ehemaligen Feinden Freunde werden.

Es ist sinnlos, was ich tue. Aber ich muß Beschäftigung haben. So lege ich den Toten noch einmal zurecht, damit er bequemer liegt, obschon er nichts mehr fühlt. Ich schließe ihm die Augen. Sie sind braun, das Haar ist schwarz, an den Seiten etwas lockig.

Der Mund ist voll und weich unter dem Schnurrbart, die Nase ist ein wenig gebogen, die Haut bräunlich, sie sieht jetzt nicht mehr so fahl aus wie vorhin, als er noch lebte. Einen Augenblick scheint das Gesicht sogar beinahe gesund zu sein – dann verfällt es rasch zu einem der fremden Totenantlitze, die ich oft gesehen habe und die sich alle gleichen.

Seine Frau denkt sicher jetzt an ihn; sie weiß nicht, was geschehen ist. Er sieht aus, als wenn er ihr oft geschrieben hätte; – sie wird auch noch Post von ihm bekommen – morgen, in einer Woche -, vielleicht einen verirrten Brief noch in einem Monat. Sie wird ihn lesen, und er wird darin zu ihr sprechen. […]

Der Tote hätte sicher noch dreißig Jahre leben können, wenn ich mir den Rückweg schärfer eingeprägt hätte. Wenn er zwei Meter weiter nach links gelaufen wäre, läge er jetzt drüben im Graben und schriebe einen neuen Brief an seine Frau. […]

Vergib mir, Kamerad, wie konntest du mein Feind sein. Wenn wir diese Waffen und diese Uniform fortwerfen, könntest du ebenso mein Bruder sein […]. Nimm zwanzig Jahre von mir, Kamerad, und stehe auf – nimm mehr, denn ich weiß nicht, was ich damit beginnen soll.« […]

»Ich will deiner Frau schreiben«, sage ich hastig zu dem Toten, »ich will ihr schreiben, sie soll es durch mich erfahren, ich will ihr alles sagen, was ich dir sage, sie soll nicht leiden, ich will ihr helfen und deinen Eltern auch und deinem Kinde -«

Seine Uniform steht noch halb offen. Die Brieftasche ist leicht zu finden. Aber ich zögere, sie zu öffnen. In ihr ist das Buch mit seinem Namen. Solange ich seinen Namen nicht weiß, kann ich ihn vielleicht noch vergessen, die Zeit wird es tilgen, dieses Bild. Sein Name aber ist ein Nagel, der in mir eingeschlagen wird und nie mehr herauszubringen ist. Er hat die Kraft, alles immer wieder zurückzurufen, er wird stets wiederkommen und vor mich hintreten können.

Ohne Entschluß halte ich die Brieftasche in der Hand. Sie entfällt mir und öffnet sich. Einige Bilder und Briefe fallen heraus. Ich sammle sie auf und will sie wieder hineinpacken, aber der Druck, unter dem ich stehe, die ganze ungewisse Lage, der Hunger, die Gefahr, diese Stunden mit dem Toten haben mich verzweifelt gemacht, ich will die Auflösung beschleunigen und die Quälerei verstärken und enden, wie man eine unerträglich schmerzende Hand gegen einen Baum schmettert, ganz gleich, was wird.

Es sind Bilder einer Frau- und eines kleinen Mädchens, schmale Amateurfotografien vor einer Efeuwand. Neben ihnen stecken Briefe. Ich nehme sie heraus und versuche sie zu lesen. Das meiste verstehe ich nicht, es ist schlecht zu entziffern, und ich kann nur wenig Französisch. Aber jedes Wort, das ich übersetze, dringt mir wie ein Schuß in die Brust – wie ein Stich in die Brust – Mein Kopf ist völlig überreizt. Aber so viel begreife ich noch, daß ich diesen Leuten nie schreiben darf, wie ich es dachte vorhin. Unmöglich. Ich sehe die Bilder noch einmal an; es sind keine reichen Leute. Ich könnte ihnen ohne Namen Geld schicken, wenn ich später etwas verdiene. Daran klammere ich mich, das ist ein kleiner Halt wenigstens. Dieser Tote ist mit meinem Leben verbunden, deshalb muß ich alles tun und versprechen, um mich zu retten; ich gelobe blindlings, daß ich nur für ihn dasein will und seine Familie, – mit nassen Lippen rede ich auf ihn ein, und ganz tief in mir sitzt dabei die Hoffnung, daß ich mich dadurch freikaufe und vielleicht hier doch noch herauskomme, eine kleine Hinterlist, daß man nachher immer noch erst einmal sehen könne. Und deshalb schlage ich das Buch auf und lese langsam: Gérard Duval, Typograph.

Ich schreibe die Adresse mit dem Bleistift des Toten auf einen Briefumschlag und schiebe dann plötzlich rasch alles in seinen Rock zurück.

Ich habe den Buchdrucker Gérard Duval getötet. Ich muß Buchdrucker werden, denke ich ganz verwirrt, Buchdrucker werden, Buchdrucker – […]

* * *

»Kamerad«, sage ich zu dem Toten hinüber, aber ich sage es gefaßt. »Heute du, morgen ich. Aber wenn ich davonkomme, Kamerad, will ich kämpfen gegen dieses, das uns beide zerschlug: dir das Leben – und mir -? Auch das Leben. Ich verspreche es dir, Kamerad. Es darf nie wieder geschehen.«[2]

 

Text und Bilder: Dr. Thomas Hentrich-Hesse

 

 

[1]  Erich Maria Remarque (1929): „Im Westen nichts Neues“. Kiepenheuer & Witsch: Köln, Seite 195-200.

[2] Erich Maria Remarque (1929): „Im Westen nichts Neues“. Kiepenheuer & Witsch: Köln, Seite 200-204.