„Karten-Fangen“ mit den 5. Klässlern

Der Altweibersommer lockt zum Unterricht ins Freien.

Martin Zeidler – Lehrer für Englisch, Latein, MuK, Sport, Spielstunde sowie Literatur und Theater – nutzt das sonnige, warme Ausklingen des Sommers zum heiteren „Karten-Fangen“ mit den 5. Klässlern auf dem Sportplatz.

Die Spielstunde findet in der 5. Klasse dreimal morgens in der ersten Stunde statt. Später in der 6. Klasse zweimal die Woche. Am Ende der zwei Jahre Spielstunde wird ein Theaterstück aufgeführt – entweder ein schon fertig geschriebenes oder ein selbst erfundenes oder etwas Halb-fertig-halb-Selbsterfundenes. Nicht selten verwandelt sich dann das Musikhaus in ein verwunschenes Land und alle werden zu Feen und Zauberern, Königen, Edelleuten oder Halunken.

Zum Schuljahresende führten acht Schülerinnen und Schüler der Klasse 6 beispielsweise „The One in the Middle Is the Green Kangaroo“ nach der Erzählung von Judy Blume auf. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller schlüpften dabei in atemberaubend schnellen Verwandlungen von einer Rolle in die andere, wechselten zwischen Erzähler/-in und Darsteller/-in gekonnt hin und her und brachten das Stück textsicher, mit viel Witz und hohem Tempo auf die Bühne. Das Publikum – Kinder wie Erwachsene – genossen den kurzweiligen, heiteren Theaterabend mit dennoch ernstem Kern.

 

 

Über 30 Jahre Spielstunde am Birklehof

„Schreiben Sie ruhig, was in meinem Buch steht. Das gilt heute – mit einigen Einschränkungen – noch genau so!“ antwortete Benita Daublebsky auf die Frage, was sie gerne in einem Artikel über „ihre Spielstunde“ am Birklehof erwähnt wissen würde. Ihr Buch „Spielen in der Schule – Vorschläge und Begründungen für ein Spielcurriculum“ erschien 1973 als Ergebnis eines Forschungsprojektes. Damals spielte sie bereits seit einigen Jahren mit den Schülerinnen und Schülern der fünften bis siebten Klasse am Birklehof. Anlaß für die „Erfindung“ der Spielstunde hatte eine 5. Klasse gegeben, deren Schülerinnen und Schüler große Schwierigkeiten hatten, miteinander und mit den Erwachsenen auszukommen. Damals wurde Benita Daublebsky in ihrer Funktion als Psychologin der Schule gebeten, ‘zu sehen, was man da machen kann’.

Hieraus entstand eine feste Einrichtung: zunächst wurde einmal wöchentlich für einen ganzen Nachmittag gespielt, später dreimal pro Woche morgens in der ersten Stunde.
Was ist Ziel und Zweck der Spielstunde? Die Spielstunde dient dem sozialen Lernen. Sie fordert und fördert soziale Sensibilität, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit sowie Kreativität und Flexibilität in der Rollengestaltung. Erlernt bzw. weiterentwickelt werden diese Sozialkompetenzen durch zweckentsprechend variierte alte sowie zahlreiche neue Spiele. Hierzu gehören Fang- und Versteck-, Tast-, Hör- und Sammel-, Verkleidungs- und Rollenspiele. Im Laufe der Jahre entstand ein reichhaltiger Fundus an Spielen, die alle eines oder mehrere der folgenden

Merkmale aufweisen:
 Offene Spielsituationen bieten den Kindern immer wieder neue und andere Chancen, sich am Spiel zu beteiligen. Weder erfordern noch provozieren die Spiele die Herausbildung starrer Hierarchien.
 Aufgaben können nur gemeinsam bewältigt werden. Entscheidend ist die Zusammenarbeit in der Gruppe oder die Gemeinschaftsleistung am Ende.
 Hauptbestandteil und Hauptspaß ist die gegenseitigen Darstellung und Wahrnehmung kreativer Ideen.
 Konkurrenz und Wettkampf können Bestandteil eines Spiels sein, sind aber nie das einzige Element, das die Kinder antreibt zu spielen.

Am Ende der „Spieljahre“ wird ein Theaterstück aufgeführt. Der Wunsch kommt meist schon von den Kindern selbst. Nachdem sie beim Spielen immer wieder kleine Rollen übernommen haben, wollen sie sich meist auch einmal mit einem „richtigen“ Theaterstück einem „richtigem“ Publikum stellen. Auch die Probenarbeit orientiert sich an den für die Spielstunde geltenden Grundprinzipien: Die Stücke werden selbst entwickelt, z.B. aus einem Märchen. Die Kinder lernen keine Texte auswendig, sondern sprechen ihre Rollen frei mit dem entsprechenden Spielraum für aktuelle Bezüge und individuelle Variationen. Um sich in einen anderen Charakter hineinzufühlen, werden die Rollen auch einmal getauscht.

Entscheidend für die Qualität der Spielstunde ist die fachliche Kompetenz der Spielleiter bzw. Spielleiterinnen, ihre Fähigkeit, die Spielstunde einfühlsam und flexibel zu leiten, sich im richtigen Maß lenkend einzuschalten oder auch zurückzunehmen, um die Kinder entsprechend ihrer Fähigkeiten in die verantwortliche Gestaltung des Spiels einzubeziehen.
Diese Art des Spielens offenbart schnell soziale Strukturen und Prozesse in einer Klasse sowie Stärken, Schwächen und Defizite der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Hierauf reagiert der Spielleiter / die Spielleiterin durch eine entsprechende Auswahl und Gestaltung der Spiele, die die vorhandenen Konstellationen in Bewegung bringen, indem sie den Schülerinnen und Schülern Gelegenheit bieten, in neue Rollen zu schlüpfen und sich selbst und gegenseitig neu wahrzunehmen.

Die Spielpraxis und ihre Reflexion war Anfang der siebziger Jahre Gegenstand eines Projektes der „Forschungsgruppe Modellschulen e.V.“ (jetzt: Forschungsgruppe „Modellprojekte e.V.“, Geschäftsführer Günther Schweigkofler, Heidelberg). Diese Forschungsgruppe hat ein sozialwissenschaftliches Curriculum entwickelt, das soziales Lernen in das Schulprogramm integriert.
30 Jahre Spielstunde – was ist geblieben, was hat sich verändert? Wie eingangs erwähnt, haben sich die Grundlagen nicht wesentlich verändert. Auch wurde die Institution Spielstunde zu keinem Zeitpunkt grundsätzlich in Frage gestellt. Aufgrund der schnelleren Entwicklung heutiger Jugendlicher, verbunden mit dem früheren Einsetzen der Pubertät, gibt es dieses besondere Unterrichtsangebot nur noch für die 5. und 6. Klasse. Nach wie vorprägend sind die Persönlichkeiten der Spielleiter. Heute wird auch in den höheren Klassen außerordentlich viel Theater gespielt wird. Zeitweise gab es vier verschiedene Theatergruppen – vielleicht eine Folge der Spielstunde.

 

Text und Bilder: Hanna Kneser, Bettina Steffens