Was macht man eigentlich als didaktisch-pädagogische Leitung am Birklehof, Frau Füller?

Michaela Füller ist seit 11 Jahren am Birklehof tätig. Sie hat als Lehrerin und Hauserwachsene mit fast allen Altersstufen im Internat gelebt und unterrichtet Deutsch und Bildende Kunst. Sie ist Legasthenie Therapeutin und LRS-Beauftragte am Birklehof. Seit 3,5 Jahren ist sie die didaktisch-pädagogische Leiterin der Schule Birklehof.

Frau Füller, welche Aufgaben beinhaltet Ihre Position?

Einerseits bin ich erste Ansprechpartnerin für das Tagesinternat, habe das Konzept des Tagesinternats mit entwickelt und übernehme dort auch die Aufnahmegespräche. Andererseits ergänze ich die Aufgaben von Herrn Fass, wenn es um Repräsentatives nach außen hin geht zum Beispiel beim „Tag des offenen Internats“ und an Schnuppertagen, aber auch bei Arbeitskreisen und Netzwerken wie „Die Internate Vereinigung“ oder „BüZ“ (Blick über den Zaun).

Ich bin so etwas wie ein Bindeglied zwischen den drei Positionen Schulleiter, Internatsleiter und Unterrichtsleiter. Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, zwischen den Besonderheiten des Internats und dem „normalen“ Schulalltag zu kooperieren und beides so zu verbinden, dass es für unsere Schüler ein ganzheitliches Bildungs- und Entwicklungsfeld bietet. 

Damit meine ich ein übergreifendes Konzept, das unseren Schülerinnen und Schülern Kultur, sei es die eigene oder die fremde, Weltoffenheit und Wertevorstellungen, individuelle und soziale Kompetenzen näherbringt und entwickeln hilft. Zu diesem Bereich gehören für mich neben Projekten, unterrichtlichem und außerunterrichtlichem Programm, Studien- und Klassenfahrten, beispielsweise auch die Tertialsvorträge und gemeinsame Rituale, die uns als Schulgemeinschaft stärken.

Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, diese Position anzunehmen?

Im Alltag und in Konferenzen kommen in Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern sowie im Kollegium immer wieder spannende Themen, interessante Aspekte und bedenkenswerte Ansätze zur Weiterentwicklung und Qualitätssteigerung von Schule und Internat zur Sprache. Mir ist wichtig, dass diese Ideen einen ihnen gebührenden Rahmen erhalten, damit wir uns als Internatsschule immer weiterentwickeln und verbessern können.

Was liegt Ihnen als didaktisch-pädagogische Leiterin besonders am Herzen?

Besonders am Herzen liegt mir das Thema Schulentwicklung – wie man eben Schule anders denken kann, dadurch dass wir eine Internatsschule sind. Daraus ist ja auch die Entwicklung des Tagesinternats entstanden. Wir können als Internat einen Schultag ganz anders gestalten, weil wir einfach mehr Zeit für die Kinder haben und intensiver auf sie eingehen können. Zum Beispiel mit der Einführung des Silentiums in der Orientierungsstufe, bei dem die Kinder morgens in ihrem eigenen Tempo in den Schultag starten, mit selbstbestimmtem, betreuten Arbeiten und der Möglichkeit selbstwirksames Lernen kennenzulernen. Der „normale“ Schulalltag beginnt dann erst kurz vor 10.00 Uhr für die Kinder. Mit dem Tagesinternat geben wir auch unseren Schülerinnen und Schülern aus der Region die Chance, von unserem ganzheitlichen Ansatz zu profitieren und lassen sie so weit wie möglich an den Vorzügen des Internatslebens teilhaben.

Bei uns steht die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes im Vordergrund. Die Frage lautet immer. „Was braucht das Kind, um sich gut entwickeln zu können?“ Es geht uns eben nicht nur um die Weitergabe von schulischem Wissen oder reinen Kompetenzen, sondern darum, das einzelne Kind dazu zu befähigen, seinen eigenen Weg zu suchen, zu finden und zu gehen.

Gibt es Dinge, die Sie immer wieder als Herausforderung betrachten?

Ja – eine spannende Herausforderung ist immer wieder, das Gleichgewicht zu finden zwischen den Wünschen, Erwartungen und Pflichten der einzelnen Personen, der Lehrer und Hauserwachsenen, der Eltern und der Kinder und Jugendlichen selbst.

Gleichzeitig muss man sehen, was der Jugendliche von sich aus mitbringt, was er sich wünscht und welche Unterstützung er benötigt, um sich individuell zu entwickeln und auf dem Weg zum Erwachsenwerden gut begleitet zu sein. 

Es geht immer um die Frage nach dem, was wirklich zentral und wichtig ist, damit sich das einzelne Kind zu einer Persönlichkeit entwickeln kann. Dabei darf man natürlich nicht übersehen, dass wir hier nicht nur ein Kind haben, sondern eine ganze Gruppe, die auch interagiert. 

Stärken und Schwächen nebeneinander (an)zuerkennen und dem Menschen dahinter gleichermaßen mit Respekt zu begegnen, sehe ich als Grundvoraussetzung für individualisiertes Lernen und den Weg zu einer ganzheitlichen Menschenbildung. Es ist unsere Aufgabe das Kind im Mittelpunkt des Lernens zu sehen und ihm die Möglichkeiten und Unterstützungssysteme zur Verfügung zu stellen, die es zum individuellen Lernen benötigt.

Andererseits sind wir als staatlich anerkannte Schule auch in der Pflicht, uns an Bildungspläne und offizielle Vorgaben zu halten. All diese Erwartungen in ein in sich schlüssiges didaktisches Konzept zu bringen, das harmonisch ineinandergreift und allen dient, ist für mich eine Herausforderung in einem sehr positiven Sinne.

An welchen Themen arbeiten Sie zur Zeit?

In den letzten Jahren stand die Entwicklung der Orientierungsstufe mit dem Tagesinternat im Vordergrund und es verändert und verbessert sich immer weiter, weil wir viele Erfahrungen sammeln und Rückmeldungen erhalten.

Bei der Profilstufe arbeiten wir gerade an der noch engeren Verknüpfung von schulischem Programm und internatlichem Potential. Dies zeigt sich u.a. auch in der Wertigkeit, die wir den AGs und Diensten beimessen.

Während die Kinder der Orientierungsstufe sich in vielen Bereichen noch ausprobieren und verschiedene Angebote kennenlernen können, geht es bei der Profilstufe darum, Fertigkeiten und Kenntnisse weiter zu vertiefen. 

Die Jugendlichen sollen lernen, sich innerhalb der Schulgemeinschaft nicht nur als Einzelperson, sondern sich selbst im Rahmen der Gemeinschaft wahrzunehmen, innerhalb der sie auch Aufgaben für die anderen übernehmen. Es geht ja in dieser Lebensphase auch immer darum, innere und äußere Grenzen kennenzulernen und zu erfahren, dass man durch die Gemeinschaft gestärkt wird, weil andere etwas für mich tun.

Gleichzeitig geht es bei den Jugendlichen darum, mehr und mehr dahin zu schauen, wo die eigenen Fähigkeiten sind und wo das Potential liegt, über sich selbst hinauszuwachsen.

Für mich als didaktisch-pädagogische Leiterin ist wichtig, immer vom Kind aus zu denken und dazu muss ich natürlich auch unsere Kinder und Jugendliche kennen, ihre Bedürfnisse wahr- und ernst nehmen.

So sitze ich zum Beispiel mit den neuen Fünftklässlern im Esssaal am Tisch um im alltäglichen Gespräch mitzubekommen, welche Eindrücke sie haben und wie es ihnen geht. Das sind kleine und wichtige Details mit denen man sehr schnell und unkompliziert Erkenntnisse gewinnt, die man überdenkt und ggf. im Alltag unmittelbar bearbeitet.

In der Kursstufe steht dann im Vordergrund, ein möglichst gutes Abitur zu erlangen. Auch hier ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur büffeln, sondern ihren Blick weiten und in die Zukunft schauen. Neben der Intensivierung der Persönlichkeitsentwicklung bleiben sie natürlich weiterhin aktiver Bestandteil der Schulgemeinschaft. Sie übernehmen in den oberen Klassenstufen verantwortungsvollere Aufgaben, indem sie zum Beispiel einen Dienst oder eine AG leiten, unsere Jüngsten im Unterhaus mitbetreuen oder im Akademischen Dienst einen Fachlehrer im Förderbereich unterstützen.

Das sind wirklich vielfältige Aufgaben. Haben Sie vielen Dank für diesen tiefen Einblick in Ihre Arbeit.