Selbstständig und unabhängig denken – sicher und verantwortungsvoll entscheiden

Wie schafft man es, mit Fragen umzugehen, die verunsichern, vielleicht sogar Angst machen, und auf die es keine schnellen, einfachen Antworten gibt? Wie kann man für sich herausfinden, was richtig ist? Wie wird man stark und sicher darin, mit Unsicherheiten umzugehen, damit man nicht abhängig von den Antworten anderer wird?

Die Digitalisierung, der aufkommende Populismus oder der Terrorismus ‑ das sind Ereignisse, die viele von uns aktuell beschäftigen. In seiner Rede zum Auftakt des Wintertertials sprach Schulleiter Henrik Fass diese Themen an und zeigte Wege auf, wie man lernen kann, mit solchen schwierigen und komplexen Fragestellungen umzugehen und eine eigene Haltung dazu zu finden. Dazu bezog er sich auf die sieben Gesetze, in denen Birklehof-Gründer Kurt Hahn 1918 seine pädagogischen Ideen und Ideale zusammenfasste, als er gemeinsam mit dem damaligen Reichskanzler Prinz Max von Baden über die Gründung einer Schule nachdachte. Diese sieben Gesetze gelten bis heute als Schulgesetze in der von Kurt Hahn 1920 als erster Schule gegründeten Schule Schloss Salem und sind unverändert aktuell:

 7 Tipps für junge Menschen, die unabhängig von Antworten anderer denken und sicher entscheiden möchten

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  1. Tipp:

Suche nach Gelegenheiten, in denen Du Deine Begabung entdeckst und Leidenschaft spürst.

Birklehof-Gründer Kurt Hahn war davon überzeugt, dass jeder Mensch eine „grande passion“ hat. Es ist grandios, wenn man eine solche Passion bei sich entdeckt. Doch: Wie kann man seine Begabungen bewusst entdecken? Ein Talent entsteht nicht von selbst. Schon damals, als der Birklehof gegründet wurde, forderte man deswegen die Schülerinnen und Schüler auf, mit möglichst vielen Aktivitäten in enge Berührung zu kommen. ,,Eng“ heißt, dass diese Aktivitäten nicht irgendwie nebenbei ausgeübt werden ‑ dann sind sie nur Freizeitbeschäftigung ‑, sondern so, dass sie Bedeutung für einen selbst haben und in Gemeinschaft erlebt werden. Vor allem im Miteinander kann die Auseinandersetzung fesseln. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um das gemeinsame Erarbeiten eines Musik- oder Theaterstücks, eines Forschungsprojektes oder um ein Hobby geht, bei dem man den sogenannten „Flow“ erlebt. Sucht aktiv nach solchen Momenten.

(Erstes Gesetz: ,,Gebt den Kinder Gelegenheit, sich selbst zu entdecken“)

  1. Tipp: Erlebe bewusst Triumph und Niederlage.

Es ist ohne Frage nicht gut, wenn man nur Erfolgserlebnisse hat. Vielleicht ist man zunächst glücklich, sicherlich aber nicht gewappnet fürs Leben, das nicht nur aus Erfolgen besteht. Rudyard Kipling forderte deswegen in dem berühmten Gedicht „If“, dass man sowohl Erfolg als auch Misserfolg als Blender erkennen müsse, um sich nicht von ihnen verführen zu lassen. Daher soll jeder immer wieder auch Situationen suchen, aus denen er nicht unbedingt als Gewinner hervorgeht, sondern seine Ziele nicht oder nur teilweise erreicht. Wer lernt, mit diesen Miss- oder Teilerfolgen, mit diesen Niederlagen offen umzugehen und dazu zu stehen, gewinnt Freiheit … und Freunde.

(Zweites Gesetz: ,,Lasst die Kinder Triumph und Niederlage erleben“)

  1. Tipp: Setze Dich für die gemeinsame Sache ein.

Die Idee der „Dienste“ am Birklehof ist, dass jeder eine Aufgabe übernimmt, die für die Schulgemeinschaft von Bedeutung ist. Kurt Hahn hat das so formuliert: ,,Keiner soll Passagier sein, alle sind Schiffsmannschaft …“ Das gilt für die Schule genauso wie für ein Land oder die Welt. Lass Dich daher nicht treiben, sondern belebe die Gemeinschaft, indem Du Dich einbringst, gestalte sie aktiv mit, übernimm Verantwortung.

(Drittes Gesetz: ,,Gebt den Kindern Gelegenheit zur Selbsthingabe an die gemeinsame Sache“)

  1. Tipp: Sorge für Zeiten der Stille.

Dieses Gesetz ist in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit und engen Vernetzung wichtiger und aktueller denn je. Man kann es noch ergänzen: Kümmere Dich aktiv um Zeiten der Stille, fliehe nicht davor. Schalte bewusst und nicht nur dann, wenn es die Internatsregeln verlangen, Dein Smartphone oder Computer ab und sorge Dich um medienfreie Zeit. Diese Zeiten sind wichtig, damit wir unsere Wahrnehmung trainieren und uns selbst und andere spüren lernen. Wir brauchen solche Zeiten, um Dinge überdenken zu können. Es geht darum, das rechte Maß zwischen dem Ruhigen und Lebendigen, zwischen dem Aktiven und dem Passiven, der Kommunikation und der Stille zu finden. Wir können darüber reden, besser ist allerdings, wir erleben die Kraft und Energie, die in der Stille steckt, und lassen uns davon anstecken.

(Viertes Gesetz: ,,Sorgt für Zeiten der Stille“)

  1. Tipp: Übe die Fantasie.

Auch die Fantasie muss man trainieren und am Leben halten, sonst geht etwas Wertvolles verloren. Kreativität und Fantasie stecken in jedem Menschen. Wer sie verkümmern lässt, ist auf die Kreativität anderer angewiesen, um Kunst oder Musik zu genießen, um Zimmer oder Häuser einzurichten, um sich anzuziehen, um Dinge zu hinterfragen und Neues zu entwickeln. Kreativität und Fantasie haben mit uns selbst zu tun, auch mit der Frage, wer bin ich und wer bin ich nicht. Es geht um Identität. Dazu gehört das Ausprobieren ebenso wie das Erkennen von Grenzen. Fantasie ist der Motor für Entwicklung. Warte nicht auf sie, sondern fordere sie heraus.

(Fünftes Gesetz: ,,Übt die Fantasie“)

  1. Tipp: Lass Spiele eine wichtige, aber keine vorherrschende Rolle spielen.

Sport ist wichtig, macht Spaß und hält gesund. Bleibe aktiv und genieße das Gefühl, alleine oder gemeinsam zu spielen. So manches Spiel kann jedoch auch Herrschaft über uns erlangen, sei es das Spielenlassen von Muskeln, um z. B. attraktiver zu werden, oder das Spielen am Computer. Das Spiel kann das Leben bereichern. Es soll es aber nie beherrschen oder ersetzen.

(Sechstes Gesetz: ,,Lasst Spiele eine wichtige, aber keine vorherrschende Rolle spielen“)

  1. Tipp: Löse Dich von dem entnervenden Gefühl, Dich privilegiert zu fühlen.

Jeder kennt die Diskussion darüber, ob die Schule Birklehof eine Eliteschule ist oder nicht. Warum ist es wichtig, Elite zu sein und zu ihr zu gehören? Geht es darum, dass man sich von anderen abgrenzen oder besser stellen will? Geht es womöglich darum, sich abzuheben? Ist denn Besitz oder Reichtum ein ausreichendes Kriterium, um sich besser zu fühlen? Oder ist die Begabung, die einen von anderen unterscheidet, Grund genug, um den anderen ihre Schwächen vorzuführen?

Wer sich so verhält, zeigt, dass er nicht Verantwortung und Dankbarkeit für dieses Geschenk – denn letztlich ist es das – übernimmt, sondern dekadent und arrogant ist.

Jeder darf und soll herausfinden, mit welchen Menschen er sich gerne umgibt. Zugleich hat jeder Mensch das Recht, mit all seinen Stärken und Schwächen und ganz gleich, wo er herkommt oder welches seine Interessen sind, irgendwo dazuzugehören. Eine Gemeinschaft gewinnt durch Vielfalt, nicht durch Einfalt. Das Recht zu leben und leben zu lassen, die Größe, gönnen zu können und nicht die eigene Definition von Normalität als maßgebend anzusehen, sichert unsere Freiheit, entspricht dem Grundgedanken der Demokratie und schafft Frieden. Setz Dich dafür ein.

(Siebtes Gesetz: ,,Erlöst die Söhne reicher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl der Privilegiertheit“)