Eva Hezel hat in Freiburg Geschichte, Philosophie und Englisch studiert und steht kurz vor ihrem Referendariat als Gymnasiallehrerin. In der Schulversammlung am 5. Dezember hat sie uns ihre Abschlussarbeit vorgestellt: „Die Auswirkungen des studentischen Aufruhrs (1968) auf die Internatsschule Birklehof in Hinterzarten“

Sie eröffnet mit ihrem Vortrag ein spannendes Feld, das aber für unsere Schülerinnen und Schüler auf den ersten Blick ein wenig fremd ist. 68er? Das ist eher ein Thema der Eltern und Großeltern und auch im Geschichtsunterricht spielt diese Zeit noch keine große Rolle. Richtig greifbar wird das Thema erst, als Eva Hezel Fotos vom Birklehof aus dieser Zeit zeigt.

Was hat Sie an den 68ern so fasziniert und wie kamen Sie in diesem Zusammenhang auf den Birklehof?

Die 68er fand ich schon immer sehr spannend, aber im Studium hatte ich das Thema kaum beachtet. Es ist viel passiert und diese Zeit hat bis heute eine hohe Relevanz in unserer Gesellschaft. Da wollte ich genauer hinschauen. Über eine Kommilitonin habe ich erfahren, dass Herr Professor Martin vom Historischen Seminar der Universität Freiburg jemanden sucht, der eine Arbeit über den Birklehof verfasst.

Dann ging es recht schnell. Schon zwei Wochen später waren wir am Birklehof zu einem ersten Gespräch. Dieses Zusammentreffen von Thema und Ort finde ich sehr schön, weil hier mehrere Aspekte, die mich interessieren zusammentreffen: Einerseits die 60er- und 70er-Jahre, die von ihrer Jugendkultur her hochinteressant sind, andererseits interessieren mich die unterschiedlichen pädagogischen Ansätze, die es gibt. Daher ist meine Arbeit den Schulentwicklungsprozessen in dieser Zeit gewidmet.

Ein Internat bietet sich förmlich an, wenn man Schulentwicklungsprozesse dokumentieren möchte, denn es bietet einen ganz besonderen Raum, um konzeptionell zu arbeiten. Der Schulalltag ist intensiver, die Gruppen sind wesentlich kleiner. Neue Konzepte lassen sich in dieser Konstellation meist besser und leichter umsetzen, weil Erwachsene und Schüler viel Zeit miteinander verbringen. Dadurch sehen Pädagogen, was einzelne Kinder brauchen, und haben vor allem dann auch die Möglichkeit, etwas auszuprobieren. Aus kleinen „Experimenten“ können dann größere Konzepte entstehen.

Ein schönes Beispiel hierfür ist die Spielstunde am Birklehof: Ursprünglich wurde sie für eine bestimmte Klasse entwickelt, in der die Kinder Konflikte miteinander hatten. Im gemeinsamen Spiel sollten diese Konflikte bearbeitet und gelöst werden. Das Konzept hat so gut funktioniert, dass die Spielstunde bis heute zum festen Bestandteil des Schulalltags gehört.

Ein weiterer motivierender Aspekt meiner Arbeit war die Tatsache, dass ich mich bei diesem Thema nicht ausschließlich auf bereits begangene Wege konzentrieren konnte und musste. Üblicherweise basiert eine solche Arbeit hauptsächlich auf Sekundärliteratur und nur zu einem kleinen Teil auf eigener Quellenanalyse. Für mich war es mit dieser Arbeit eine große Herausforderung, als Historikerin zu arbeiten und mich selbst auf die Suche zu begeben.

Bis zu dem Zeitraum, an dem mein Thema anfängt, bin ich gut informiert gewesen. Dann aber war ich völlig frei. Ich kann mit dieser Arbeit meine eigene Deutung veröffentlichen und meine Perspektive auf den Birklehof sichtbar machen. Natürlich bin ich auch sehr gespannt, was zu dieser Arbeit von den Altbirklehofern zurückkommen wird. Sicherlich gibt es da noch ganz andere Perspektiven auf diese Zeit.

Sie haben einige Interviews mit Ehemaligen geführt. Wie ergiebig waren diese Gespräche?

Diese Gespräche gehören schon auch zu den Highlights dieser Arbeit. Sie waren auf ganz unterschiedlichen Ebenen wichtig für mich. Ich habe mit sehr interessanten Persönlichkeiten sprechen dürfen, die außergewöhnliche Lebenswege gegangen sind. Methodisch waren diese Gespräche auch sehr bereichernd für mich. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gemacht. Wie führe ich ein Interview und wie kann ich es danach auch als Quelle nutzbar machen?

Diese ganzen Geschichten und Anekdoten rund um das Internatsleben waren einfach toll. Da zuzuhören hat unheimlich viel Spaß gemacht. Es gab so unglaublich viele kreative Aktionen am Birklehof. Da es aber eine wissenschaftliche Arbeit ist, konnte ich den vielen Geschichten nur bedingt Raum geben.

Ein wichtiger Bezugspunkt bei meiner Arbeit war die Zusammenarbeit mit Hanna Kneser, unter anderem verantwortlich für die Pflege der Kontakte zu den Ehemaligen, und Judith Runte, Betreuerin des Schularchivs. Die beiden haben mich sehr unterstützt und mir bei der Auswahl der Dokumente aus dem Schularchiv geholfen. Das Angebot war sehr umfassend. Ich habe viele Dokumente gelesen, vieles, was ich in meiner Arbeit gar nicht verwerten konnte, was aber hochinteressant war. Man verliert sich ganz schnell in diesen Dokumenten und gräbt sich immer tiefer hinein. Es war eine interessante Erfahrung für mich, hier den Fokus nicht zu verlieren, sondern klar zu entscheiden, was relevant ist und was nicht.

Mit den beiden konnte ich meine Arbeit reflektieren. Gerade auch von Judith Runte, die die 68er selbst als Studentin erlebt hat und dann über 30 Jahre lang am Birklehof Schülerinnen im Internat betreut hat, habe ich viel aus der Zeit der 68er erfahren. Sie hat einen anderen Blick auf diese Zeit am Birklehof, den einer Erwachsenen.

Gab es besondere Herausforderungen bei dieser Arbeit?

Ja, schon. Die Herausforderung lag vor allem darin, die unterschiedlichen Perspektiven und Erlebnisse miteinander zu vereinbaren. Da habe ich auch gar nicht den Anspruch, das perfekt zu machen. Ich habe ja eher meine Perspektive beschrieben, wollte aber trotzdem allen gerecht werden. Ich habe 13 Gespräche mit Zeitzeugen geführt und alleine diese Gespräche spiegeln eine Fülle an Ansichten auf den Birklehof wider.

Hier rechne ich auch mit Rückmeldungen. Einige habe ich schon erhalten, darunter sind auch kritische. Bestimmt werden sich noch einige Altbirklehoferinnen und Altbirklehofer melden und mit mir in die Diskussion darüber einsteigen, dass es eigentlich gar nicht so war, wie ich es beschrieben habe, sondern ganz anders. Darauf bin ich schon sehr gespannt und es macht den Reiz meiner Arbeit aus.

Wann werden Sie die Gelegenheit haben, mit den Altbirklehofern zu sprechen?

Im Mai werde ich zum Altbirklehofer-Treffen kommen und dort in einem Vortrag meine Arbeit vorstellen. Das wird sicherlich noch einmal ganz anders werden als heute hier in der Schulversammlung, zumal ich dann das bis dahin eingegangene Feedback in meinem Vortrag aufgreifen kann. Für mich ist es toll, dass es tatsächlich Leute gibt, die meine Arbeit lesen und sich damit auseinandersetzen. Denn die meisten Studienarbeiten werden ja nur für die Bibliotheksregale geschrieben.

Vielen Dank, Frau Hezel, für dieses anregende Gespräch. Ich wünsche Ihnen viele gute Rückmeldungen zu Ihrer Arbeit und einen spannenden Austausch mit Ihren Leserinnen und Lesern.

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