Ein Gespräch mit Anna-Lia und Eva.

Nachdem wir „Norwegenfahrer“ am Samstag vom Birklehof aus gestartet waren, trafen wir 12 Stunden später in Herlufsholm an, unserer Round Square Partnerschule in Dänemark. Dort legten wir erst einmal eine große 9 stündige Pause ein und hatten Gelegenheit, uns Herlufsholm ein wenig genauer anzuschauen. Danach ging es weiter nach Norwegen zum Rondane Nationalpark – das waren weitere 12 Stunden mit dem Bus.

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Im Gebiet des Nationalparks angekommen, wurden wir dann alle paar Kilometer gruppenweise abgesetzt und machten uns auf den Weg. Es war warm an diesem Tag, der Rucksack war schwer und nach 2 Tagen Busfahrt waren wir alles andere als fit. Und dann gleich in die Pampa. Aber so glatt war der Start nicht, denn das Lehrerzelt von Herrn Wieser und Herrn Becker war bei der Gruppe von Frau von Sengbusch gelandet und musste erst „zurückorganisiert“ werden.

Die Gruppen bestanden immer aus 11 oder 12 Schülerinnen und Schülern. Wir hatten 4 Zelte. Wir wurden gleich in die Verantwortung genommen, indem Sophie und ich „Leader of the day“ machten. Aber ehrlich gesagt – so richtig in die Karte reingeschaut haben wir erst mal nicht. Frau Seiter, Herr Wieser und Herr Becker haben uns dann erklärt: „Wenn Ihr Euch verlauft, dann geht ihr halt in die falsche Richtung. Und dann müsst ihr dann am nächsten Tag mehr laufen.“ Ok, das war klar.

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Immer der gleiche Rhythmus

Essen, schlafen, wandern. Essen, schlafen, wandern. Aber wirklich die ganze Zeit. Uhrzeit spielt sowieso keine Rolle, es wird ja nicht dunkel. Also da war ich auch echt froh über meine Schlafmaske, denn wenn man wach wird und es ist so hell im Zelt, denkst Du gleich: „So, aufstehen, es ist hell.“ Aber ich habe mich dann doch noch einmal umgedreht und mir gesagt „Ich warte bis der Lehrer kommt und ans Zelt klopft. 

Das Laufen war ganz schön anstrengend, teilweise über Schnee und viel über weiches Moos. Gras wächst dort nicht – es war alles mit weichem Moos bewachsen.
Die Krise kam am dritten Tag.

Wir trafen auf den Schlafplatz von Frau von Sengbuschs Gruppe und mussten dann aber noch weiterziehen, weil die Gruppen untereinander ja keinen Kontakt haben durften. Ein kurze „Hallo“ war okay, aber nicht erzählen und miteinander quatschen. Das gab erst einmal ein paar Diskussionen, aber dann sind wir halt noch den Berg hoch…

Diese ganze Tour hat uns als Gruppe sehr gestärkt. Bei uns kam wirklich jeder mit jedem klar. Vielleicht sind wir nicht beste Freunde, aber wir haben uns kaum gestritten. Höchstens, dass der eine gesagt hat „Jetzt lass mich doch einfach mal machen!“, aber nie, dass man sich wirklich aktiv und aggressiv gestritten hätte. Also das war wirklich ein ganz friedliches Gruppenverhältnis. Man hat immer auf die ganze Gruppe geachtet. Am Anfang war es ein bisschen so, da sind die Schnelleren vorgelaufen, die Langsameren ein bisschen hintergetrottet . Am Ende sind wir wirklich ein Tempo, eine Gruppe, gemeinsam gelaufen.

Wir hatten unser Gruppentempo gefunden. In allen Dingen.

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In unserer Gruppe haben wir lernen müssen, dass wir uns nicht einfach aus dem Weg gehen können, sondern dass wir einen gemeinsamen Weg finden müssen. Der dritte Tag war da schon ein wenig kritisch, es krachte und danach war es aber okay. Es waren ja nicht alle gleich fit. Manche kamen mit den schweren Rucksäcken gar nicht zurecht und wir mussten gerade wenn´s bergauf ging, mehr Pausen machen und die Rucksäcke absetzen. Da haben wir echt begriffen, was der Satz bedeutet: “Eine Gruppe ist nur so stark, wie ihr schwächstes Mitglied.“

Der siebte Tag, der hatte es auch ganz schön in sich, als es so unglaublich hagelte. Nicht einfach mal 20 Minuten und dann scheint die Sonne wieder – nein – es hagelte und danach kamen Eisplättchen und Regen. Wir waren nass bis auf die Knochen, hatten Teiche in den Wanderschuhen. Da flossen dann auch ein paar Tränen, weil wir einfach nicht mehr konnten.

Am nächsten Morgen war alles wieder so einigermaßen trocken und die Sonne tat dann den Rest.

Gruppensolo: Verantwortlich sein als Gruppe

Im Gruppensolo mussten wir uns als Gruppe beweisen und hatten die volle Verantwortung für den Tag. Die Betreuer liefen praktisch mit einem kleinen Abstand hinter und her und ließen uns machen.

Wo essen wir? Laufen wir richtig? Laufen wir zusammen? Wenn es regnet, holen wir die Regenklamotten raus oder warten wir noch ab? Wann machen wir Trinkpausen? Wo campen wir? Wo auf der Karte sind wir eigentlich? All diese Sachen musste man halt wirklich nur in der Gruppe regeln und konnte nicht die Betreuer fragen.

Frau von Sengbusch ist das am Anfang ziemlich schwer gefallen, hat sie gesagt, denn das bedeutete auch, im schlechtesten Fall 3 Stunden hinter uns her in die falsche Richtung zu gehen und nichts zu sagen.

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Sehr interessant war auch die Sache mit der Flussüberquerung. Das hat uns ganz schön herausgefordert.

Das war am siebten Tag. Wir waren schon acht Kilometer gelaufen und haben dann unser Gruppensolo angefangen und nochmal sieben Kilometer draufgelegt. Und dann kamen wir an einen Fluss, die Brücke war nicht mehr da. Und dann sollten wir durch diesen Fluss. Und die Lehrer waren irgendwo ganz weit hinten und hatten schon quasi den Kaffeepott rausgeholt und sich gesagt „So, jetzt drehen wir mal Däumchen und gucken, wie die Gruppe dieses Problem löst.“ Nach anderthalb Stunden Ankeifen, Anschreien, Nerven blank – also wir waren wirklich alle fertig- haben wir es dann endlich mal soweit gerafft, dass wir erkannt  haben, wir müssen einfach zusammenarbeiten.

Als dann alle drüben auf der anderen Seite waren, sah dieser reißende Fluss auf einmal doch nicht so heftig aus. Alles war dann wieder gut. Man hat sich entschuldigt, man ist einfach noch die letzten Meter gelaufen.

„Hätte ich meine Schuhe ausgezogen und meine Socken und wäre da durchgelaufen, dann wärt ihr mir einfach gefolgt. Und so habt ihr jetzt selber eine Lösung finden müssen.“, meinte Herr Wieser nur.

Das Solo: Allein – mal so richtig allein sein

Eine gewisse Zeit komplett allein zu sein, ohne Kontakt zu den anderen aufnehmen zu dürfen, das war anfangs schon eine schwere Vorstellung, aber irgendwie auch reizvoll.

Im Gruppensolo waren wir ja als Gruppe allein ohne unsere Betreuer und Lehrer, aber wenn man „sein Solo macht“ heißt das, sich 16, manche sogar 22 Stunden allein mit sich selbst zu und mit seinen 3 Fragen zu befassen.

3 Fragen, die das Leben stellt

Wir haben einen Steinkreis gelegt in den Frau von Sengbusch hineingetreten ist und die Regeln für das Solo erklärt hat: „Jeder von euch tritt jetzt nacheinander in den Steinkreis hinein und wenn er wieder herauskommt, wird er für den Rest der Gruppe unsichtbar sein.“

Naja- Und für den Rest unsichtbar zu sein heißt halt, ich kann dich vielleicht auf 20 Meter Entfernung sehen, aber ich blende das komplett aus.

Wir hatten nur das Nötigste bei uns: eine Isomatte, Regensachen, etwas zu knabbern, eine Flasche Wasser und unseren Umschlag mit Papier und den 3 Fragen, die wir zuvor von unseren Betreuen bekommen hatten. Wo komme ich her? Wo stehe ich jetzt? Wo will ich hin? Dazu sollten wir uns Gedanken machen und diese aufschreiben.

Der Blick aufs Detail

Ich habe eine Spinne beobachtet, die bei mir vorüber krabbelte und je tiefer ich am Boden geschaut habe, desto größer wurde alles. Das war interessant, weil auch die ganz kleinen Sachen, wenn man sie genau betrachtet, große Dinge für sich sind.

Bei mir war´s ein wenig nervig mit den Stechmücken. Ich hatte mich im Schneidersitz hingesetzt auf meine Isomatte und da fing es an mit regnen. Ich dachte mir, ich bleibe hier einfach sitzen. Ich hatte ja meine Regenklamotten an. Und dann lief mir aber das Wasser in den Schuh und so das ganze rechte Bein hoch. Und einfach alles wurde eiskalt und klamm. Und dann habe ich versucht zu schlafen. Wahrscheinlich habe ich die Hälfte meines Solos verschlafen. Irgendwann bin ich aufgewacht, weil sich mein Auge merkwürdig anfühlte.

Ich habe dann Herrn Wieser gerufen, der mich erschrocken anschaute, denn ich sah wohl ganz schön schlimm aus. Die Stechmücken waren quasi überall in meinem Gesicht unterwegs gewesen. Ich durfte dann zurück ans Feuer. Dort gab´s dann auch keine Mücken mehr und ich konnte mich aufwärmen und meine Sachen trocknen.

Wir durften entscheiden, wie lange wir das Solo machen. Wenn wir früher als geplant aufhören wollten, war das ok. Es lag in unserem Ermessen.

Geschafft!

Ein paar von uns haben gesagt:“Das mache ich nie wieder!“, andere würden jederzeit wieder in die Wildnis gehen. Ich bin ganz schön stolz auf mich. Ich habe das geschafft! Auch wenn es immer wieder ein paar Momente gab, wo ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe, als einfach in ein Haus hineinzugehen und im Trockenen zu sein. Das war alles sehr spannend da draußen, aber irgendwie waren wir dann schon froh, als wir alle wieder im Bus saßen.

Also ich habe kein Problem mit dem Bus- oder Autofahren, ich finde das eigentlich ganz angenehm. Aber nach diesen neun Tagen absoluter Ruhe da draußen, es war immer frische Luft, immer so ein Windchen, saß ich dann im Bus und dachte „Boah, mein Kopf“. Ich habe es wirklich genossen in Norwegen. Es gab kein Stressgefühl, gar nichts. Man hat sich komplett befreit gefühlt. Man hat sich einfach nur darauf konzentriert.

Als ich mein Smartphone wieder in die Hand genommen habe, war das ganz komisch. Ich wusste fast gar nicht mehr wie das geht: “Äh, wie war jetzt nochmal der Code? Und seit wann ist das Ding so groß?“ Also es war schon echt lustig. Auch beim Fernsehen hat mein Schädel so ein bisschen gepocht. Und ich dachte: “Okay,12 Tage ohne diese ganze Elektronik und Beschallung tut auch mal ganz gut.“