Ich habe keine Angst mehr


Jahrelang hatte er kein Interesse daran, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Erst als er begann, ein Buchprojekt über Fluchten aus der DDR zu verwirklichen und der Verleger ihn drängte, seine eigene Geschichte mit aufzuschreiben, fing der Fotograf und Pulitzer-Preisträger Andree Kaiser an, die Orte seiner eigenen Flucht und Inhaftierung zu besuchen. Am Birklehof sprach er über seine Erlebnisse und stellte sich den vielen interessierten Fragen unserer Schülerinnen und Schüler.

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Als seine Großmutter auf einem Verwandtenbesuch in Westberlin einen schweren Herzinfarkt erlitt und der im Osten lebenden Familie von den DDR-Behörden verwehrt wurde, sie vor ihrem Tod noch einmal zu sehen, war es klar für ihn: „Nur raus hier!“ Damals war er 16 Jahre alt.

Andree Kaiser, dessen  Großeltern sehr engagiert am Aufbau der DDR teilnahmen, waren schon nach wenigen Jahren bitter enttäuscht über die Entwicklung des Landes. Der Großvater trat mit Ende 60 aus der SED aus, was als ein klares Statement zu werten war. Da Andree Kaisers Eltern als Veterinäre  „nur“ mit Tieren arbeiteten, war der politische  Einfluss als gering eingestuft worden. Besondere Repressalien musste die Familie nicht erleben. Jedoch verwehrten die Behörden ihm seinen Berufswunsch, Fotograf zu werden.

Gemeinsam mit einem Freund beschloss er mit knapp 18 Jahren sich über die Tschechoslowakei nach Österreich durchzuschlagen.  Als Informationsmaterial diente den beiden ein Schulatlas. Wie naiv die Flucht geplant war, zeigte sich, als sie an der Grenze verhaftet wurden. Zuerst in Prag inhaftiert, wurden die beiden schon bald nach Ostberlin ausgeflogen.

Andree Kaiser kam nach Hohenschönhausen, wo er zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Eindrücklich schildert er uns die Verhandlung, in der eine fast hysterische Staatsanwältin ihm sogar vorwarf, den Weltfrieden gefährdet zu haben.
Insgesamt hat er in Hohenschönhausen neben unzähligen Verhören 3 Monate in Einzelhaft verbracht. Saß ein Käppi schief, war der Blick eine Spur zu renitent oder stand ein Knopf offen, war das für die teilweise sadistischen Wärter und Schließer ein gefundener Anlass 21 Tage Einzelhaft anzuordnen.

Auch sein Bruder Dirk war bei einem Fluchtversuch geschnappt worden und saß im Jugendgefängnis in Halle a.d. Saale. Was es für die Eltern bedeutete, 2 Söhne in unterschiedlichen Gefängnissen besuchen zu müssen, ließ Andree Kaiser in seinen Schilderungen offen.

Als er nach seiner Haftzeit wieder bei seinen Eltern einzog, fand er eine Arbeit in einem Fotoatelier, wo er auf eine Familie und ein Umfeld traf, das ihm wie ein zweites Zuhause wurde. Hier gewann er seine Kraft zurück und lernte das Fotografieren. Diese Zeit beschreibt er als unglaublich spannend: „Es gab am Prenzelberg jedes Wochenende die irresten Partys, man lernte sich unglaublich schnell kennen, die Kommunikation untereinander war sehr stark.“

Am 27. November 1986 stand er dann mit einem kleinen Handgepäck an der Friedrichstraße in Berlin. Seinem Ausreiseantrag war endlich stattgegeben worden.


Ruhig ist es im Musikhaus, in das Viktor aus Klasse 11 unseren Gast geladen hat. Im Rahmen seiner Seminar-Facharbeit zum Thema „Flucht“ beschäftigt er sich im Speziellen mit der Flucht aus der ehemaligen DDR.

Wir erleben, wie uns die jüngere Geschichte Deutschlands unter die Haut geht. Doch dann brechen viele Fragen heraus, sehr emotionale Fragen, die Schülerinnen und Schüler sind neugierig und wollen alles wissen. Andree Kaiser beantwortet eine nach der anderen sehr ausführlich und ruhig.

Andree Kaiser ist ein vielbeachteter Fotograf, der durch seine Zeit im Gefängnis einen klaren Blick und ein feines Fingerspitzengefühl für gefährliche Situationen entwickelt hat. „Ich weiß, wie Wärter denken und ticken.  Ich weiß, wie man unsichtbar wird und – ich habe keine Angst mehr. Deshalb mache ich Fotos, die andere so nicht hätten schießen können.“

Als Augenzeuge des Völkermords in Bosnien erhielt er 1993 zusammen mit Roy Gutman den Pulitzerpreis.


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