7852_V. Kuesters_Neubirkle_Birklehof_Okt15Der erste Gesprächspartner im Rahmen unserer kleinen Interviewreihe „Was macht eigentlich…?“  ist Volker Küsters. Er ist Hauserwachsener bei den Jungen im Neubirkle, Vater einer Tochter und eines Sohnes und lebt mit seiner Familie hier auf dem Campus. Seine Frau unterrichtet am Birklehof und ist Fachbereichsleiterin für NwT. Im Gespräch erfahren Sie, was seinen Arbeitsalltag ausmacht und was ihn bewegt.      

Herr Küsters, was ist und macht ein „Jungenarbeiter“?

Jungenarbeiter sind ausgebildet, um mit jungen Männern und ihren Familien gendersensibel zu arbeiten. Es geht um Fragen wie zum Beispiel „Wie ticken Jungs?“, aber auch um die Themen Jungengesundheit und Pubertät.

Am Birklehof arbeiten Sie als Hauserwachsener einer Jungengruppe. Die Schüler sind alle im Alter von 13-15. Was ist das Besondere an der Arbeit mit Jungen in diesem Alter?

Alle Jungen sind mitten in der Pubertät und auf der Suche nach ihrer männlichen Identität. Sie auf diesem Weg begleiten zu können, finde ich sehr spannend.

Welche Fragen stellen sich die Jungs in dieser Zeit – über welche Themen sprechen Sie mit Ihnen?
Das wichtigste Thema ist der Körper. In Gesprächen geht es immer wieder um die starken Veränderungen, die die Pubertät mit sich bringt – die eigene Sexualität, die eigene Kraft, der Wettbewerb um Stärke. Wichtig ist mir auch, dass Jungen ein Gesundheitsgefühl für ihren Körper entwickeln und lernen, gesundheitliche Veränderungen wahrzunehmen.

Besonders intensiv haben wir uns in den letzten 40 Jahren mit der Rolle der Frau beschäftigt. Sind Jungen und junge Männer ins Abseits geraten?

Ja, denn ich denke, in Kindergärten und Grundschulen sind Jungen überwiegend mit weiblichen Rollenbildern konfrontiert. Hier fehlt die männliche Vorbildkonstruktion in der Entwicklung.

Welche Vorteile hat das Zusammenleben in einer Jungengruppe wie hier am Birklehof für das spätere Rollenempfinden als Mann?

Der größte Vorteil für die Jungs ist, dass sie am Birklehof sich selbst und ihr eigenes Rollenbild finden und entwickeln können. Auch das Ausbilden von sozialer Kompetenz, das Grenzen erfahren im Miteinander passiert hier mit  konkreter Anleitung durch die Hauserwachsenen.

Wo setzen Sie bei Ihrer Arbeit Schwerpunkte?

Um es auf den Punkt zu bringen: Beziehungsarbeit. Nur mit einer guten Beziehung zu den Jugendlichen sind Geborgenheit, Erfolg und freie Entfaltung möglich.

Wie wichtig ist die Prägung durch den Vater?

Da Vater und Sohn immer in einer Konkurrenzsituation zueinander stehen, ist das Auseinandersetzen mit der Rolle des eigenen Vaters sehr wichtig. Die Prägung durch die Väter ist und bleibt in fast allen Situationen des Alltags deutlich sichtbar und spürbar. Erfreulicherweise leben die meisten Väter ihre Vaterrolle heute bewusster als die Generation davor. Sie suchen ihren persönlichen Erfolg auch im Kontext Familie. Diese Entwicklung kann ich nur begrüßen.

Welches sind Ihre größten Erfolge in der Jungenarbeit hier am Birklehof?

Es gibt so ein paar Highlights, die mich persönlich sehr berühren: Wenn 5 Jahre nach ihrem Abitur Altbirklehofer an meiner Tür stehen und immer noch Heimweh nach dem Birklehof haben, dann ist das ein Erfolg des Ganzen und nicht des Einzelnen.

Und natürlich haben wir manchmal auch besondere Jungs, die sich anfänglich nur schwer in die Gemeinschaft einordnen. Auch das „Musik-Genie“ mit ganz eigenen Interessen und Themen profitiert von der Hilfestellung und findet hier bei uns in die Gemeinschaft und zu sich selbst und seiner männliche Identität.

Welchen Tipp haben Sie für Väter im Umgang mit ihren heranwachsenden Söhnen?

Väter und Söhne brauchen gemeinsame Zeit mit hoher Qualität. Man kann es als einen störungsfreien Raum betrachten, in dem sich Vater und Sohn ganz eigene Erlebnisse schaffen. Diese Vater-Sohn-Zeit saugen Jungs auch schon im Kleinkindalter auf wie ein trockener Schwamm das Wasser. Die Väter bekommen wichtige Rückmeldungen von ihren Jungs und schaffen eine tiefe und liebevolle Bindung zu ihren Söhnen, die ihnen selbst auch guttut und ihr Leben als Mann bereichert.