Wie wir soziale Innovationen anstoßen können

Das zweite Tertial unseres Schuljahrs begann mit der Eröffnungsrede des Schulleiters Henrik Fass, über deren Inhalt  Sie in diesem Blogbeitrag lesen werden.

Henrik-Fass-Schulleitung-BirklehofAm frühen Montagmorgen fanden sich die Schülerinnen und Schüler, die Hauserwachsenen und das Kollegium im Musikhaus ein, um sich auf das Tertial und das noch junge neue Jahr einzustimmen. Der Blick in die Medien zeigt uns, dass wir in einer sehr bewegten Zeit leben.

Henrik Fass fragt: „Ändert sich unsere Gesellschaft? Wenn ja, in welcher Form? Was man hören und lesen kann, zeigt, dass viele mit Unsicherheit sogar mit Angst auf diese daraus entstehenden existentiellen Fragen und Themen reagieren. Das kann, wie wir erleben, der Nährboden für Extrempositionen wie Fremdenhass sein oder für einen der vielen „-ismen“. Diesen Gedanken der Angst, der uns in eine Starre führen könnte, möchten wir am Birklehof und an dieser Stelle nicht weiter verfolgen. Im Gegenteil.

In Krisen liegen auch immer Chancen verborgen. Es sind Zeiten der Veränderung  und der Entwicklung. Die Frage ist nur, ob man den Blick dafür öffnet, öffnen kann oder öffnen will. Und wenn das gelingt, braucht es Ideen und Innovationen, die eine Gesellschaft oder uns als Schulgemeinschaft voranbringen.

Der bekannte Zukunftsforscher Peter Spiegel forderte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, dass Deutschland mehr Innovation brauche – nicht technische oder digitale Innovationen, sondern soziale. Man müsse dringend, so Spiegel, neue Ideen entwickeln, die das Leben der Menschen verbessern. Besser sei zum Beispiel, wenn Menschen mehr Einfluss ausüben können oder auch Dinge selbst gestalten oder mitgestalten können. Spiegel nannte unter anderem die drei folgenden Beispiele:

Innovation Internet

Eine der großen Innovationen ist das Internet. Als Schule ist unser Thema die Bildung.
Die Vision eines weltumspannenden freien Zugangs zu Bildung und Wissen hat Jimmy Wales dazu bewogen Wikipedia zu gründen – ein offenes Lexikon, das sich ständig weiter entwickelt. Wissen und Informationen sind durch das Internet mittlerweile an jedem Flecken der Erde verfügbar. Nur am Rande bemerkt: die rasante Entwicklung des Internets und die schnelle Verfügbarkeit von Wissen hat dazu geführt, dass der „Große Brockhaus in 24 Bänden“ nicht mehr gedruckt wird. Gegen das Internet konnte sich der Lexikon-Klassiker nicht behaupten.

Schüler lehren Lehrer

Eine weitere Idee, die Spiegel anführt kommt aus dem Bereich Schule. Ungewöhnlich – aber gerade deswegen innovativ: „Schüler der evangelischen Schule Berlin-Mitte haben nachgedacht, wer eigentlich am besten Lehrerinnen und Lehrern zeigen kann, wie man Schüler gut zum Lernen motiviert. Und sie kamen auf die naheliegendste Idee:  sie selbst sind die Experten.

Was wurde daraus? Seit einigen Jahren bieten sie Lehrerfortbildungen an, bei denen sie Lehrern beibringen, wie man Schüler motivieren kann. Diese Veranstaltungen sind ausgebucht und ein Riesenerfolg.

Aus der Armutsfalle

„Es gibt auch Ideen, die die Welt verändern können, wie die des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus, der besonders Kredite an Menschen vergibt, die nicht über die banküblichen Sicherheiten verfügen. Mit den Mikrokrediten der Grameen Bank hilft er armen Menschen, sich selbst aus der Armutsfalle zu befreien. Inzwischen konnten sich mithilfe dieser Kredite sage und schreibe mehr als eine halbe Milliarde Menschen weltweit eine wirtschaftliche Existenz aufbauen.“

Diese doch recht unterschiedlichen Beispiele stammen von Jugendlichen, Studenten oder Berufstätigen. Sie wurden nicht nur erdacht, sondern auch verwirklicht und sie haben etwas bewirkt.

Henrik Fass appellierte: „Was wir momentan – so dringend wie lange nicht mehr – brauchen, sind Menschen, die Missstände erkennen und daraufhin die entscheidenden Schritte gehen, um sie zu beheben.“ 

3 Schritte zu sozialen Innovationen am Birklehof

1. Schritt:
Missstände zu erkennen,  das ist leicht. Wir brauchen nur beim Mittagessen an einem Tisch den Gesprächen zu lauschen. Da hört man, was im Unterricht nicht gut gemacht wurde, was der Nachbar Falsches gesagt hat oder wieso das Essen schon wieder so schmeckt, wie es schmeckt. Wir alle kennen das und wenn man reflektiert genug ist, beobachtet man auch an sich selbst, dass man gerade nörgelt, ein wenig herzieht, kritisiert, obwohl man es vielleicht gar nicht möchte.
Die meisten bleiben bei diesem ersten Schritt stehen. Es sind diejenigen, die ständig Fragezeichen produzieren, aber nicht den Mut haben Ausrufezeichen zu setzen. Dann nämlich könnten sie selbst kritisiert werden.

2. Schritt
In der Rhetorik sagt man, dass die Contra-Position immer einfacher zu vertreten ist, als die Pro-Partei, denn die muss Ideen entwickeln und sie verteidigen.  Es braucht eine Opposition, die Missstände erkennt und im nächsten Schritt Ideen und Lösungsmöglichkeiten entwickelt.  Wir wollen den Grundstein für Innovation legen und mitdenken, querdenken, umdenken statt nur begrenzt denken.

3. Schritt:
Für die Königsdisziplin haben sich dann diejenigen entschieden, die bereit sind, den letzten Schritt zu gehen. Sie übernehmen Verantwortung. Dies ist der Beginn einer jeden Innovation. Diese Menschen haben eine Antwort gefunden. Sie wollen eine Verbesserung herbeiführen und lassen Taten folgen. Vielleicht ist es noch nicht die perfekte Antwort. Aber diese Personen sind bereit, sich der Kritik auszusetzen, indem sie etwas umsetzen. Genau das ist der Unterschied zu den Kritikern und Nörglern. Um innovativ zu sein,  braucht man eine unternehmerische Haltung (nämlich den Wunsch etwas zu bewegen etwas zu verändern, einen neuen Weg einzuschlagen) und langes Durchhaltevermögen.

Wer in die Geschichte schaut, kann erkennen, dass jeder der eine neue Idee hatte, viele Kritiker hatte.

Innovationen am Birklehof – ein festes Ziel

Unser Ziel für die Zukunft ist: Wenn uns etwas stört, dann werden wir es benennen, aber nicht ohne gleichzeitig eine Idee zu entwickeln, wie wir die Situation verbessern können. 

Schuelerparlament-BirklehofDies ist für unsere Schülerinnen und Schüler ein spannendes  Spielfeld um sich auszuprobieren, um unsere Schulgemeinschaft zu bewegen oder später sogar unsere Gesellschaft  oder die ganze Welt. Jede große Veränderung beginnt im Kleinen. Wir üben uns rhetorisch im Umgang miteinander und treffen viele Entscheidungen gemeinsam. Eine wichtige Institution für konstruktive Kommunikation ist unser Schülerparlament und die regelmäßige Teilnahme unserer Schüler an „Jugend debattiert“.